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Berliner Mauerweg

160 km Mauerweg, einmal um das ehemalige West-Berlin herum wandern. Wer Urlaub in Berlin macht und etwas mehr Zeit mitbringt, für den ist der Mauerweg eine gute Empfehlung. Man kann den Weg auch mit dem Rad abfahren, sollte aber auf ein gutes Rad achten, denn einzelne Abschnitte des Weges, sind durch Baumwurzeln wahre Buckelpisten geworden. Zur Planung eignet sich die Website der Senatsverwaltung berlin.de/mauerweg. Allerdings sind dort die Etappen für Radfahrer angegeben. Ich habe die Etappen für meine Wanderungen in kleinere Portionen eingeteilt.


Etappe XVIII: 15.03.2015 Potsdamer Platz - S-Wollankstraße (12 km) – Die Schlussetappe auf vertrauten Wegen

Der Weg führt nun von einer zentralen Berliner Sehenswürdigkeit zur nächsten. Ich konzentriere mich daher ganz auf den Weg. Kein Abstecher zum Kaisersaal des ehemaligen Grand Hotel Esplanade, kein Umweg durch die Ministergärten oder den Ort des ehemaligen Führerbunkers.

Ich passiere die grauen Betonblöcke des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas. Ein alleiniges Konzentrieren auf dem Mauerweg ist angesichts dieses Erinnerungsortes an die schändlichsten Verbrechen unseres Volkes gar nicht möglich. Er liegt im ehemaligen Todesstreifen. Diktatur auf Diktatur, Schande auf Schande. Hinter der US-Botschaft steht das Brandenburger Tor, das Symbol der Teilung und des Mauerfalls. Hinter dem Tor, auf dem Pariser Platz, steht eine kleine Ausstellung, die an den Vernichtungskrieg gegen Polen erinnert. Ich wollte keine Umwege gehen, also gehe ich zurück vom Pariser Platz auf den Mauerweg. Der führt am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma vorbei. Unendlich viele Namen von grausigen Orten sind auf Steine geritzt, die in den Boden um ein Wasserbecken eingelassen sind. So viele Tote in so vielen Vernichtungslagern. Als ich den weiten Vorplatz des Reichstagsgebäudes erreiche, ist meine Stimmung so, wie das Wetter an diesem Sonntagmorgen. Grau in grau. Wie Deutschland. Wie die Regierungsbauten. Graues Reichstagsgebäude, in der Ferne graues Kanzleramt, graues Paul-Löbe-Haus. Am Ufer des Paul-Löbe-Hauses weiße Kreuze vor einer grauen Spree vor einem grauen Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. In der Ferne ein graues Bundesministerium für Bildung und Forschung neben einem grauen Haus der Bundespressekonferenz. Graues Regieren hinter grauen Mauern? Grauer Journalismus?

Endlich ein Farbklecks: die Lampen der Kantine im Paul-Löbe-Haus leuchten wie optimistische Lichtpunkte in allen Farben im retro Stil durch das Fenster. Ein paar Meter weiter leuchtet in gelbgrün das Kunstwerk „Mann auf der Leiter“ von Neo Rauch. Es sieht aus wie eine Mischung aus Fensterputzer oder Mann, der von einer Leiter winkt und erinnert mich schon jetzt an Bilder, die mir in der Bernauer Straße wieder begegnen werden: Menschen, die von Leitern aus dem Westen zum Osten winken. Ginge ich auf der anderen Uferseite, könnte ich durch die Fenster des Marie-Elisabeth-Lüders Hauses das Mauermahnmal von Ben Wargin erkennen, das den ehemaligen Mauerverlauf im Gebäude markiert. Auf jedem Mauersegment hat der Künstler die Zahl der Toten des jeweiligen Jahres vermerkt.

Ich gehe am Ufer der Spree weiter und komme an der Bundestagskita mit ihrem sorgfältig aufgereihten Fuhrpark aus Dreirädern und Bobbycars vorbei. Auf der anderen Uferseite liegt Ben Wargins Parlament der Bäume. Auch für dieses Kunstprojekt, hat Wargin Mauersegmente und andere Grenzelemente, wie Lampen verwendet.

Ein Stück weiter passiere ich Gebäude der Charité und den Humboldthafen. An der Sandkrugbrücke, über die die Invalidenstraße über die Spree führt, steht der Gedenkstein für Günter Litfin. Er ist der erste Mensch, der durch Schüsse an der Berliner Mauer ums Leben kam. Elf Tage nach dem Bau der Berliner Mauer wurde er gezielt bei seinem Fluchtversuch beschossen und tot aus dem Humboldthafen geborgen.

Da der Uferweg an der Spree zum Invalidenfriedhof gesperrt ist, nehme ich einen kleinen Umweg über die Scharnhorststraße und überquere dazu den ehemaligen Grenzübergang Invalidenstraße, der von westlicher Seite West-Berlinern vorbehalten war. Ich hätte als ehemalige Bundesbürgerin hier nicht hinüber gedurft. An der Ecke Invaliden- / Scharnhorststraße steht das Denkmal bzw. der Brunnen „sinkende Mauer“, der noch nicht in Betrieb ist.

Von der Ferne kommt mir eine Frau entgegen. Sie taumelt leicht, winkt und läuft direkt auf mich zu. „Die haben meinen Rücken wieder hingekriegt. Gehen Sie ins Bundeswehrkrankenhaus, wenn Sie was mit dem Rücken haben, die haben das wieder hingekriegt. Ich habe keine Schmerzen mehr!“, sagt sie. „Wow, das ist toll“, sage ich. Eine Wolke Alkoholatem weht mir entgegen. Offensichtlich ist das nicht ihre erste Nacht, in der sie ihre Heilung gefeiert hat. „Wissen Sie, wo es hier eine Kneipe gibt?“, fragt sie mich. Das weiß ich nicht wirklich, das ist auch nicht die Gegend für Kneipen. „Ich weiß überhaupt nicht, wo ich bin“, meint sie. Ich zeige ihr den Weg zum Hauptbahnhof. Fürchte aber, dass sie von dort nicht nach Hause fährt, sondern weiterfeiert.

Nach dieser Begegnung, gehe ich weiter die Scharnhorststraße entlang, am Ministerium für Wirtschaft vorbei, das im Gebäude des ehemaligen Invalidenhauses untergebracht ist. Ein kurzer Abriss der Geschichte des Invalidenhauses und der Charité geht mir durch den Kopf, aber ich wollte mich doch auf den Mauerweg konzentrieren. Sobald ich den Invalidenfriedhof betreten habe, ist die Mauer wieder da. Unfassbar, quer über den Friedhof. Historische Gräber vor Hinterlandmauer. Ein absurdes Bild. Hinter der Hinterlandmauer ist die Friedhofsmauer am Spreeufer zur Vorderlandmauer umfunktioniert. Dazwischen Kolonnenweg und Todesstreifen und fast alle Gräber abgeräumt. Nicht einmal Tote durften im Todesstreifen bleiben. Hell leuchten die weißen Flächen auf beiden Mauern. Der Weg vom Eingang des Invalidenfriedhofs führt mich geradeaus direkt auf einen Glockenturm zu. Der Glockenturm wurde 2013 mitten im ehemaligen Todesstreifen erbaut. Darin hängt die Auguste-Viktoria-Glocke der ehemaligen Gnadenkirche. Die Gnadenkirche war ein imposantes Gotteshaus an der Invalidenstraße, ungefähr dort wo heute der Brunnen mit der „sinkenden Mauer“ steht. Die Kirche wurde im Krieg stark beschädigt. Sie ist auf den Berliner Stadtplänen noch bis 1967 verzeichnet, dann fand die Kirche bei den Machthabern in der DDR keine Gnade mehr und wurde trotz vieler Proteste gesprengt. Die Auguste-Viktoria-Glocke überstand die Sprengung. Sie überdauerte Jahre auf einem Schrottplatz in Weißensee, bis sie vom Pfarrer Merkel der Kirchengemeinde Malchow gekauft wurde und im Garten seines Hauses eine würdigere Heimat fand. Als Pfarrer Merkel nach Thüringen versetzt wurde, nahm er die Glocke mit. In den Wendejahren kaufte die Kirchengemeinde Wattenscheid-Leithe im die Glocke ab und ließ die Glocke im Krupp-Werk in Bochum restaurieren, dort wo sie vor über 100 Jahren hergestellt worden war und einen solchen klaren Klang hatte, dass sie auf der Weltausstellung 1893 in Chicago präsentiert worden war. Nachdem der Glockenturm auf dem Invalidenfriedhof errichtet wurde, spendete die Kirchengemeinde Wattenscheid-Leithe die restaurierte Glocke zurück nach Berlin.

An der Rückseite der Hinterlandmauer befindet sich eine kleine Ausstellung. Ein Foto zeigt, wie der tote Günter Litfin aus der Spree geborgen wird.

Ich gehe auf dem Kolonnenweg weiter in die Wohnsiedlung. Wenn ich nicht wüsste, was hinter dem nächsten Durchgang auf mich wartete, wäre ich vermutlich sehr überrascht: zwischen rosa Häuserwänden steht der graue Wachturm Kieler Eck. Jürgen Litfin hat in dem ehemaligen Wachturm eine Gedenkstätte für seinen toten Bruder eingerichtet und führt unermüdlich Besucher in den Turm, um vom DDR Unrecht zu erzählen.

Der Mauerweg führt mich weiter um das Bundeswehrkrankenhaus herum bis zur Chausseestraße. Am ehemaligen Grenzübergang Chausseestraße wird wie verrückt gebaut, so dass die Grenzsituation kaum noch erkennbar ist.

Ich biege ein in die Liesenstraße und gehe auf den Friedhof der Französischen Gemeinde. Auch hier ist die ehemalige Mauersituation noch gut zu erkennen. Auf einem breiten Streifen hinter der Friedhofsmauer (genutzt als Vorderlandmauer) befindet sich kein einziges Grab. Die Hinterlandmauer ist verschwunden, bzw. noch ein kleiner Rest erkennbar, der sich aber schon auf dem direkt anschließenden Friedhof der Hedwigsgemeinde befindet. Dort findet sich auch eine Liste der Gräber, die durch den Bau der Berliner Mauer zerstört wurden. Ich verlasse die Friedhöfe und gehe an der Straße weiter. Kurz bevor der Mauerweg abbiegt in die Gartenstraße befindet sich noch ein original erhaltenes typisches Stück Vorderlandmauer. Inzwischen ist es baufällig und deshalb eingezäunt. Daneben stehen drei Bienenstöcke. Nun geht es scharf nach rechts, unter der Liesenbrücke oder so genannten Schwindsuchtbrücke hindurch. Die Brücke wurde Ende des 19. Jahrhunderts erbaut. Der Name kommt vermutlich von den armen Menschen, die in Verschlägen unter der Brücke hausten. Viele dieser Menschen litten an der damaligen Volkskrankheit Tuberkulose, die auch die Schwindsucht genannt wurde. Heute sieht die Brücke selbst schwindsüchtig aus. Wie infizierte Menschen, die unter Atemnot und Gewichtsverlust litten, scheint auch die Brücke langsam dahin zu schwinden. Schon 2013 wurde ein Projekt initiiert, über die Liesenbrücke den Grünzug vom Nordbahnhof mit dem Humboldthain zu verbinden.

Über eine Treppe steige ich hoch in den Park am Nordbahnhof, der parallel zur Gartenstraße verläuft. Reste der Bahnanlagen sind geschickt in den Park integriert. Schon von weitem ist der Hochseilgarten in Mitte zu sehen, der sich direkt an der ehemaligen Hinterlandmauer befindet. Der ehemalige Osten Berlins befindet sich jetzt westlich von mir.

Auf dem Kolonnenweg hat jemand den Spruch aufgesprüht: „Stoppt die Kriminalisierung antifaschistischen Widerstands! Freiheit für alle politischen Gefangenen.“ Widerlich, wie immer wieder mit der Keule gegen den Extremismus Rechts für den Extremismus Links geworben wird.

Ein paar Meter weiter, kann man sich in der Gedenkstätte Berliner Mauer ansehen, was die sozialistische Gesellschaftsordnung mit den Menschen gemacht hat. Auf dem ganzen Weg entlang der Bernauer Straße sehen inzwischen Informationstafeln, die zeigen, wie aus Menschen Opfer und Täter wurden, wie Flüchtende erschossen wurden, wie Menschen zu Mitläufern oder zu überzeugten Systemdienern wurden. Alle Opfer der Mauer sind hier mit Foto an einer Wand aufgereiht. Überflüssige Mauersegmente wurden ordentlich zur Seite gestellt. Große Bilder an den Häuserwänden zeigen Mauerbilder, Menschen, die aus Häusern über die Straße fliehen, Menschen, die durch Tunnel kriechen, Menschen, die hilflos auf Leitern über Mauern winken, der Soldat Conrad Schumann, der über den Stacheldraht springt, Menschen, die auf ein Aussichtspodest steigen und nach „drüben“ schauen. In den 1980ger Jahren winkt niemand mehr nach „drüben“ und von „drüben“ darf schon lange keiner mehr zurück winken. Die Mauer ist längst realer deutscher Alltag. Meine Generation ist mit der Mauer aufgewachsen. Die Mauer war einfach da, ganz normal - in den Köpfen und im Beton und in der Vorstellung würde die Mauer auch immer dort bleiben. Die vielen Menschen, die versuchten zu flüchten, sahen das wohl genauso. Deswegen setzten sie alles, inklusive ihrem Leben, auf eine Karte, um in den Westen zu gelangen.

Durch den Mauerpark geht es nun weiter in Richtung Norden, in Richtung Bösebrücke, dort wo die Mauer zuerst geöffnet wurde. Der Mauerweg führt unter der Brücke hindurch. Wer die Chronik und Dramarturgie des 9. November 1989 noch einmal nacherleben möchte, der muss die geschwungene Treppe nach oben steigen. Auf dem Platz des 9. November sind Metallstreifen in den Boden eingelassen, auf denen der Tag nachvollzogen werden kann.

Ich unterquere die Brücke und gehe weiter in Richtung Pankow. An der Ecke Mauerweg / Dolomitenstraße stehen noch die Blumenkübel, die als dekorative, effektive Sperre vor der Mauer aufgestellt wurden. Nun nur noch die Bahn unterquert und rechts in die Steegerstraße hinein und dann stehe ich wieder am S-Bahnhof Wollankstraße. Der ganze Weg ist geschafft, ich bin einmal rund um West-Berlin gewandert.

 

Etappe XVII: 05.03.2015 S Köllnische Heide – Potsdamer Platz (13 km) – Zurück in die Stadt

 Heute bin ich wieder alleine unterwegs. Vor mir liegt eine meiner längsten Touren, aber auch eine der abwechslungsreichsten. Vom S-Bahnhof Köllnische Heide gehe ich durch die gemütliche Planetenstraße zum Mauerweg. Es ist noch früh und die Sonne scheint. Der Weg schlängelt sich zwischen einem Bach und Kleingärten in Richtung Kiefholzstraße. Schon von Weitem erkenne ich das Denkmal für die Treptower Maueropfer, unter ihnen der 10-jährige Jörg Hartmann und der 13-jährige Lothar Schleusener, die am 14.03.1066 erschossen wurden. Der 13-jährige Wolfgang Glöde starb, als Grenzpolizisten ihm eine Maschinenpistole zeigten und sich ein Schuss löste. Mit 98 Schüssen wurde Christian Peter Friese getötet, als er Weihnachten 1970 am Bahndamm Köllnische Heide nach West-Berlin flüchten wollte.

Etwas weiter nördlich versuchten René Gross und Manfred Mäder zu flüchten und wurden im Grenzstreifen nahe der Karpfenteichstraße erschossen. Ebenfalls erschossen: Walter Hayn und Erich Kühn und der Fluchthelfer Heinz Jercha. Gerald Thiem wurde erschossen, als er von West-Berliner Seite in den Mauerstreifen stieg – warum er das tat, ist unklar.

Ich bin froh, als ich von der Kiefholzstraße mit den geballten traurigen Todesinformationen abbiegen kann in die Treptower Straße und weiter in die Heidelberger Straße.

In der Bouchestraße fallen die unterschiedlichen Straßenlaternen West und Ost auf. Auf der Ecke mit der Harzer Straße knickt der Mauerweg ab. Hier gibt es noch immer eine riesige Brachfläche. Ich folge der Harzer Straße in Richtung Landwehrkanal. Am Lohmühlenplatz ist der Mauerweg wegen Instandhaltungsarbeiten am Weg gesperrt. Der Umweg durch die Lohmühlenstraße ist nur kurz. Sie verläuft parallel zum Mauerweg und schon nach wenigen Häuser, gelange ich durch einen Hof zurück auf den eigentlichen Mauerweg am Ufer des Landwehrkanals.

Kurz hinter einer alten Eisenbahnbrücke quert der Mauerweg wieder die Lohmühlenstraße und entfernt sich vom Landwehrkanal. Nach ein paar Schritten bin ich in der Grünanlage Schlesischer Busch und bald sehe ich einen der wenigen erhaltenen Wachtürme am Mauerweg.

Der Weg biegt nun nach links ab in die Schlesische Straße und führt in Richtung U-Bahnhof Schlesisches Tor. Jetzt bin ich in tief im Westen, in Kreuzberg. Die Cuvry-Brache, auf der bis September 2014 „Deutschlands erste Favela“ stand, wie diverse Zeitungen titelten, ist inzwischen geräumt. Nach wenigen Metern erreiche ich die Oberbaumbrücke, die die Spree quert. Plötzlich wird der Mauerweg touristisch. Menschen, die Fotos von der Brücke machen, die Schlösser an die Brücke hängen. Jenseits der Brücke beginnt die East-Side Gallery. Ein Italiener fragt mich in gebrochenem Englisch, wo denn Ost und wo West sei. Ich erkläre es ihm, auch, dass die Mauer nicht mit bunten Bildern bemalt war. Er ist begeistert und sein Freund muss unbedingt ein Foto von ihm und mir machen. Also posiere ich für ein italienisches Fotoalbum oder wohl besser, für eine italienische Facebookseite.

Ich ärgere mich nur kurz über den Neubau im ehemaligen Grenzstreifen, für den die East-Side-Gallery unterbrochen wurde (wie auch schon für den Schiffsanleger vor der o2 Arena) und gehe hinter dem Ostbahnhof nach links über die Schillingbrücke. Nun bin ich im Bereich von Cliewes Stadtführung „Zwischen Ostbahnhof und Heinrich-Heine-Straße“.

Mächtig erhebt sich Berlins zweitgrößte Kirche – St. Thomas – über Bethaniendamm und Mariannenplatz. Davor steht noch immer stolz das Baumhaus an der Mauer. Ein tatsächliches Berliner Mauer Kuriosium. Das Baumhaus mit Gärtchen entstand auf einem Fleckchen DDR, das sich – aus DDR-Sicht – hinter der (Hinterland-)Mauer befand, also nur von West-Berlin aus zugänglich war. Als die Mauer gefallen war, stand das Baumhaus plötzlich mitten auf einer Verkehrsinsel im Bezirk Mitte. Der wollte das Baumhaus nicht mehr haben, die Kreuzberger wollten auf das Baumhaus nicht mehr verzichten. Kurzerhand wechselte die Verkehrsinsel von Mitte nach Kreuzberg und das Baumhaus steht immer noch.

Ich ignoriere weitere Kuriositäten der Gegend, die Cliewe auf seiner Führung erklärt und konzentriere mich auf den ehemaligen Mauerverlauf, direkt auf dem Luisenstädtischen Kanal. Dieser Kanal war tatsächlich Mitte des 19. Jahrhunderts als Verbindung zwischen Spree und Landwehrkanal / Urbanhafen angelegt worden. Die geringe Breite und eine geringe Fließgeschwindigkeit führten dazu, dass Anfang des 20. Jahrhunderts der Kanal zugeschüttet und zu einer Gartenanlage umgestaltet wurde. Gleichzeitig verläuft direkt am Kanal bzw. der Gartenanlage die Grenze zwischen Mitte und Kreuzberg, was nach dem 2. Weltkrieg zur Grenze zwischen Ost- und West-Berlin wurde. Die DDR Führung ließ den Grünstreifen aufschütten und baute auch diesen Teil der Grenze zu einem Todesstreifen aus. Der 18-jährige Paul Schulz wollte hier an Weihnachten 1963 fliehen. Er wurde angeschossen, fiel von der Mauerkrone auf die West-Berliner Seite und wurde im gegenüberliegenden Bethanienkrankenhaus versorgt, starb aber an seinen Verletzungen.

Etwas weiter südlich starb Johannes Lange, nachdem (lt. Infotafel) erschreckende 148 Schüsse auf ihn abgegeben worden waren. Erst nach dem Fall der Mauer wurde die Gartenanlage wieder hergestellt. Nur die Infotafel erinnert noch an die Mauer und viele kleine Spuren, die man sich am besten von Cliewe erklären lässt :-).

Auf der Ecke Michaelkirchplatz steht wieder eine mächtige Kirche, allerdings fehlt St. Michael das Hauptschiff, das seit der Zerstörung im 2. Weltkrieg nicht wieder hergestellt wurde.

Direkt gegenüber befindet sich das Engelbecken, das wie im 19. Jahrhundert mit Wasser gefüllt ist. Am Ufer des Beckens lege ich im Café eine kurze Pause ein und genieße ein herrliches Frühstück.

An der Waldemarstraße trennt sich der ehemalige Mauerverlauf von der Gartenanlage des Luisenstädtischen Kanals. Der Mauerweg wird kleinteiliger und ist weiterhin gut ausgeschildert. Auch wenn man den Verlauf der Mauer nicht kennt, findet man sich prima zurecht. Die Ecke Waldemarstraße / Luckauer Straße ist mit Neubauten eng bebaut. An der nächsten Kreuzung biegt der Mauerweg ab in die Sebastianstraße. Die Sebastianstraße war durch die Berliner Mauer in zwei Welten geteilt. Im Juni 1962 hatten Fluchthelfer von der West-Berliner Seite der Straße einen Fluchttunnel in Richtung Osten gegraben. Ein Informeller Mitarbeiter, der die Frau eines Fluchthelfers kannte, hatte den Fluchttunnel an die Stasi verraten. Operation „Maulwurf“ begann. Die Stasi kundschaftete auf West-Berliner Gebiet den Tunnel aus und entdeckte dabei noch einen zweiten Fluchttunnel in der Sebastianstraße, der allerdings nach einem Einsturz schon aufgegeben war. Als zwei Fluchthelfer durch den von ihnen gegrabenen funktionierenden Tunnel krochen, wurden sie beim Ausstieg von der Stasi bereits erwartet und dann fielen Schüsse. Beide Fluchthelfer, Siegfried Nofke und Dieter Hötger wurden schwer getroffen. Beide wurden erst vernommen, bevor medizinische Hilfe geleistet wurde. Nofke, der zuerst aus dem Tunnel gestiegen war und lt. MfS Angaben keine Waffe bei sich hatte, starb auf dem Weg ins Haftkrankenhaus. Unklar ist, warum die Stasi Mitarbeiter geschossen haben. Hötger wurde zu 9 Jahren Gefängnis verurteilt, mehrere Fluchtwillige festgenommen. Der IM erhielt die NVA Verdienstmedaille in Gold.

Nur wenige Meter weiter befand sich der Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße. Hier gelang es 1962 drei Männern mit einem Lastwagen, die Grenzsperren zu durchbrechen und nach West-Berlin zu gelangen. Der Wagen wurde von DDR Grenzern schwer beschossen und der Fahrer starb an seinen Verletzungen. Die Grenzsicherung wurde daraufhin weiter ausgebaut. Eine ähnliche Flucht 1965 wurde vereitelt. Drei Personen wurde dabei festgenommen und der 27-jährige Heinz Schöneberger wurde erschossen. Vom ehemaligen Grenzübergang ist fast nichts mehr zu sehen – auch hier sind Neubauten entstanden. Wer genau schaut, kann auf einem Parkplatz noch eine Lampe entdecken.

Der Mauerweg schlängelt sich weiter bis zur Kommandantenstraße / Alte Jacobsstraße. Überall wird oder wurde neu gebaut. In der Kommandantenstraße weist ein Schild an einem Neubau darauf hin, dass „Betreten und Hausieren“ verboten ist. In dem Vorgängerbau wohnte die jüdische Familie Wassermann, an die vier Stolpersteine erinnern. Abraham Jakob Wassermann starb in Buchenwald, die drei anderen Familienmitglieder überlebten in Theresienstadt.

Der Mauerweg führt nun durch die Zimmerstraße, vorbei am Axel-Springer-Gebäude und an der Rückseite der Hochhäuser an der Leipziger Straße. Das war der „konfrontative Städtebau“: Hochhaus gegen Hochhaus – Hochhaus gegen Informationen auf dem Gebäude von Axel-Springer.

An der Ecke Jerusalemer Straße wurde der Grenzsoldat Reinhold Huhn 20-jährig von Fluchthelfer Rudolf Müller erschossen. Diese so kurze Darstellung wird weder dem Fluchthelfer noch dem getöteten Grenzsoldaten gerecht. Müller wollte seine Frau, seine beiden Kinder und eine Schwägerin durch einen Tunnel nach West-Berlin holen. Die Gruppe bewegt sich in die Nähe der Grenzanlagen zum Tunneleinstieg und Reinhold Huhn erhält von seinem Postenführer den Auftrag, die Personen zu kontrollieren. Als Huhn der Gruppe gegenübertritt, versucht Müller ihn von der Kontrolle abzubringen. Das gelingt nicht, so dass Müller schließlich eine Waffe zieht und auf Huhn schießt. Die Flüchtlinge und auch Müller werden vom Postenführer beschossen, können sich aber durch den Tunnel nach West-Berlin retten. Die DDR verlangt die Auslieferung von Rudolf Müller, im Westen glaubt man der Version Müllers, der den Tod von Reinhold Huhn dem Gewehrfeuer seines Postenführers zuschreibt. In der DDR wird eine Straße nach Reinhold Huhn benannt, es entsteht eine Gedenkstätte und Reinhold Huhn Kasernen und Schulen. Erst nach dem Mauerfall kommt die Wahrheit ans Licht und der Fall wird in einem Prozess neu aufgerollt. Rudolf Müller wird in letzter Instanz wegen Mordes zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Das Gut „Leben“ habe eine „überragende Bedeutung“. Schon allein das Strafmaß widerspricht der Verurteilung wegen Mord. Vorauseilende Notwehr? Leben gegen Freiheit – es bleibt eine unbefriedigende Abwägung.

An der nächsten Kreuzung überquere ich die Markgrafenstraße. Die Straße, in der Cliewe zu beiden Seiten der Mauer gearbeitet hat. Auf Ost-Berliner Seite als Klempnerlehrling und auf West-Berliner Seite als Praktikant beim Senat.

Ich gehe weiter die Zimmerstraße entlang und stehe bald vor der Gedenksäule für Peter Fechter. An ihr liegen, wie so oft, Blumen und Kerzen. „....er wollte nur die Freiheit“ steht auf der Stele. Peter Fechters Tod wurde zum Symbol für die Unmenschlichkeit der Berliner Mauer und des Grenzregimes der DDR. Fechter war mit einem Freund 1962 auf der Flucht. Dem Freund gelingt es im Kugelhagel nach West-Berlin zu gelangen, Peter Fechter bleibt schwer verletzt vor der Grenzmauer auf östlicher Seite liegen und ruft um Hilfe. Niemand wagt sich zu ihm vor. West-Berliner Polizisten stehen auf einer Leiter und werfen ihm Verbandszeug zu. Sie haben Angst um ihr eigenes Leben, wenn sie über die Mauer auf die östliche Seite steigen. Die DDR Grenzsoldaten wollen ebenfalls nicht in die Nähe der Grenze gehen. Dort auf der anderen Seite stehen nämlich nicht nur West-Berliner Polizisten, sondern auch US-Amerikanische Soldaten. Der Checkpoint Charlie ist nicht weit. Die US-Amerikaner wollen ebenfalls nicht eingreifen. Zu groß ist noch immer die Angst vor einer militärischen Auseinandersetzung. Während alle hilflos zuschauen, verstummen die Schreie von Peter Fechter. Er verblutet im Grenzstreifen und wird knapp eine Stunde später hinter einer künstlichen Nebelwand von DDR Grenzern geborgen.

Die Geschichte vom Tod Peter Fechters ist einerseits unvergessen, andererseits keine 100 Meter weiter plötzlich weit weg. Ich bin am Checkpoint Charlie angelangt, an dem Ort, der wie kein anderer für Trubel und Kitsch rund um die Berliner Mauer steht. Nichts ist mehr von dem ursprünglichen Grenzübergang erhalten, trotzdem suchen hier die meisten Touristen nach der Mauer. Sie finden hier die Black Box zum Kalten Krieg, das Museum am Checkpoint Charlie und das Asisi Panorama der Berliner Mauer, u.a. mit Ausschnitten aus der Sebastianstraße. Wer will, kann sich also auch am Checkpoint Charlie gut informieren und doch mehr erleben als Fotos mit als verkleideten Studenten vor einem rekonstruierten Grenzhäuschen.

Mein Weg führt mich weiter zur Wilhelmstraße zur Kreuzung Wilhelmstraße, Zimmerstraße, Niederkirchnerstraße. Hier treffen sich zwei Diktaturen unter Denkmalschutz. Neben den ehemaligen Gestapo Kellern, die Teil der Außenausstellung der Topographie des Terrors sind, stehen Reste der Berliner Mauer. Die Reste der Mauer weisen den Weg, vorbei am Berliner Abgeordnetenhaus und am Martin-Gropius-Bau zum Potsdamer Platz, dem Ende meiner heutigen Etappe.

 

Etappe XVI: 04.03.2015 Werderlake – S Köllnische Heide (11 km) – Laut

An der Werderlake geht es heute weiter, zunächst immer die A 113 entlang, in Richtung Norden. Ich bin heute wieder gemeinsam mit einer Freundin unterwegs. Gleich zu Beginn müssen wir von drei Mauertoten lesen: Dieter Berger, Michael Kollender, Max Sahmland. Alle drei wurden zwischen 1963 und 1967 an dieser Stelle bei einem Fluchtversuch er- oder angeschossen und starben. Bei Berger ist die Fluchtabsicht nicht klar. Sahmland erreichte angeschossen den Teltowkanal und wurde schwimmend, bereits auf West-Berliner Gebiet noch immer von den DDR-Grenzern beschossen. Arbeiter eines West-Berliner Eternitwerkes auf der anderen Seite des Kanals versuchten dem Flüchtling zu helfen, mussten ihre Versuche wegen der Schüsse jedoch aufgeben, so dass Sahmland im Teltowkanal ertrank. Auf Michael Kollender wurden insgesamt 109 Schüsse gefeuert.

 

Wir machen uns auf den Weg, immer die Autobahn entlang. Das bedeutet Lärm von rechts, was aushaltbar wäre, wenn nicht gleichzeitig Lärm von links kommen würde. Links liegt der Teltowkanal und das Wasser gibt naturgemäß keinen Mucks von sich. Dahinter befindet sich ein Gewerbegebiet und das ist laut. Eine Bahnlinie verläuft am Ufer und Loks rangieren Kesselwagen hin und her. Mit der Zeit lassen wir den Gewerbelärm hinter uns. Und mit dem Lärm auch die Gerüche. Zunächst riecht es nach einer Mischung aus Holz und Chemie. Später riecht es nach frischen Brötchen (Steinecke). Wir quälen uns weiter entlang der Autobahn und wundern uns über ein Neubaugebiet auf der anderen Seite des Teltowkanals. Es sieht idyllisch aus, wenn man das Autobahngeräuch ausblenden kann. Aber wohnen, weit weg vom Zentrum der Stadt und dann diesen Dauerlärm? Wer will das schon.

Auf halben Wege bis zum Britzer Zweigkanal stoßen wir wieder auf eine Stele mit Informationen zu zwei Mauertoten: Georg Feldhan und Siegfried Widera. Feldhahn war Angehöriger der Grenzbrigade. So konnte er unbemerkt ins Grenzgebiet gelangen. Als er merkte, dass er beobachtet wurde, gab er Schüsse ab, ohne einen Kameraden zu verletzen. Er war danach wie vom Erdboden verschwunden. Er war im kalten Dezemberwasser des Teltowkanals ertrunken. Siegfried Widera war ebenfalls Mitglied der Grenztruppen. Er befand sich auf Streife, als drei Flüchtende ins Grenzgebiet in eine Baustelle eindrangen. Sie schlugen Widera und einen weiteren Grenzer nieder und konnten unverletzt flüchten. Widera erlitt einen Schädelbasisbruch und starb später im Krankenhaus.

Wir passieren die Späthstraßenbrücke, die abgesperrt noch immer über den Kanal führt. Laut Wikipedia war diese Brücke die einzige über dem Teltowkanal, die 1945 von der Wehrmacht nicht gesprengt wurde. Durch die Teilung Berlins wurde sie nutzlos, war Anfang der 1990ger Jahre wieder in Betrieb und wurde durch die A113 wieder nutzlos.

Kurz hinter der Brücke biegt der Mauerweg in Richtung Osten ab und verläuft jetzt entlang des Britzer Zweigkanals. In der Ferne ist der Fernsehturm zu sehen, ein deutliches Zeichen, dass die Wanderungen am Stadtrand auf dem Mauerweg vorbei sind. Leider wird es auch hier nicht ruhiger, denn die A 113 ist noch immer zu hören, lauter sogar, als direkt daneben, denn auf dieser Seite fehlen die Lärmschutzwände. Es beginnt nach Kaffee zu riechen und es ist nicht mehr weit, bis uns eine Tasse krönender Kaffee auf einem riesigen Plakat Lust auf einen schönen Cappucino macht. Nur leider kann man hier Kaffee nur riechen, nicht trinken. Es ist verstörend, dass ausgerechnet direkt gegenüber der Westkaffeefabrik der letzte Flüchtling an der Berliner Mauer erschossen wurde. Senat und Abgeordnetenhaus von Berlin haben an dieser Stelle 2003 eine Stele für Chris Gueffroy aufgestellt. Aus den Kleingärten hinter uns, blitzt noch Streckmetallzaun hervor. Die nächste Querstraße wurde nach Gueffroy benannt. An dieser Stelle wechselt der Mauerweg von der Südseite des Britzer Zweigkanals auf die nördliche Seite.

Schon bald erreichen wir den ehemaligen Grenzübergang Sonnenallee, heute eher unspektakulär. Der Mauerweg schlängelt sich in einem Grünzug zwischen den ehemaligen Wohngebieten West und Ost. Wir gehen noch bis zur Planetenstraße und biegen dort ab zum S-Bahnhof Köllnische Heide.

 

Etappe XV: 26.02.2015 U Lipschitzallee - Werderlake (10 km) – Skurrile Begegnungen

Auf dieser Etappe ist vieles anders. Mir begegnen zottelige kleine Rinder, Ziegen, Ponys, Hühner, Schafe, ich mache Pause auf einem einsamen Spielplatz mitten im Nichts und ich verlaufe mich. Nachdem schon auf der letzten Etappe der Weg nicht immer so ganz ausgeschildert ist, aber dennoch die Richtung klar erkennbar ist, laufe ich auf dieser Etappe in die Sackgasse und muss mich auf mein Richtungsgespür verlassen.

Gleich zu Beginn der Tour stelle ich fest, dass der Akku meines Fotoapparates leer ist. Also kann ich nur Fotos mit dem Smartphone machen. Kurz hinter dem Kölner Damm beginnt der Mauerweg. Hier steht eine Stele für Eberhard Schulz. Auch er gehört zu denjenigen, die aus der DDR fliehen wollten und dabei erschossen wurden. Nicht weit entfernt steht eine Stele, die an den Müll-Grenzverkehr zwischen West-Berlin und der DDR erinnert. Vier Jahre lang bestand in den 1970gern nur zum Zweck des Mülltransports ein Grenzübergang am Kölner Damm zur Deponie Groß-Ziethen.

Im weiteren Verlauf ist der Mauerweg zwar ausgeschildert aber der Richtungsanzeiger zeigt vage in die Richtung zweier sich trennender Wege. Ich probiere den ersten und stehe bald vor einer Sportanlage. Also gehe ich zurück und nehme den anderen Weg, der sich als der Richtige erweist. Ich stehe bald vor einem bemoosten Bauschild. Hier baut von 2009-2011 die Flughafengesellschaft BER einen Park. Ja, auch am Park wird immer noch gebaut. Nun stelle ich fest, dass auch der Akku meines Smartphones den Geist aufgibt. Nun gibt es nur noch mein altes Nokia Handy, mit dem keine besonders guten Aufnahmen mehr möglich sind. Also genieße ich den Morgen so wie er ist. Die Gräser, die noch nicht zu lange von der Sonne beschienen wurden, glitzern noch in erstarrtem Weiß. Wie so oft auf dem Mauerweg kommen mir Menschen mit ihren Hunden und Jogger entgegen. Die meisten reagieren überrascht, wenn man sie grüßt – das scheint hier nicht üblich zu sein.

In der Nähe des Dörferblicks, ganz im Süden von Rudow ist der Mauerweg plötzlich nicht mehr markiert. Er ist dennoch gut zu erkennen, weil die Lichttrasse noch erhalten ist. Ein neuer Park wird/wurde angelegt. Ich folge den Lampen und überquere die Rudower Straße. Die Lichttrasse ist auf einem sehr langen Stück erhalten. Ich passiere einen Ponyhof, die zotteligen Rinder, Schafe und Ziegen und plötzlich stehe ich vor einem verschlossenen Tor. Nichts zu machen, hier ist kein Durchkommen. Leicht genervt trotte ich zurück, bis ich einen Mann mit einem Fahrrad an der Hand auf einem Feld sehe. Ich treffe ihn und frage, ob ich über den Feldweg weiter in Richtung Adlershof komme. Ja, ich komme von dort angeblich überall hin. Adlershof würde mir schon reichen. Also gehe ich über das nasse Feld und freue mich, dass ich wie immer dicke Wanderschuhe angezogen habe. Aus dem Feld wird plötzlich die Christa-Wolf-Straße. Ein Mann steht neben seinem parkenden Auto und raucht. Außer dem Auto, dem Mann und dem Straßenschild gibt es hier nicht viel. In der Ferne der Flughafen Schönefeld und davor ein ganz neuer Spielplatz. Ich kann eine Pause brauchen und setze mich auf eine Bank, die von der Sonne bereits getrocknet und erwärmt ist. Ich packe meinen Tee aus und esse den Rest einer Laugenbrezel. Plötzlich steht der Mann mit der Zigarette vor mir. Warum treffen allein umherwandernde Frauen auf einsamen Spielplätzen nie auf gutaussehende, tolle Männer, mit denen Frau gerne flirten mag? Nun ja, wir unterhalten uns kurz und dann geht jeder seines Weges. Ich gehe die Berthold-Brecht-Allee entlang. Von Allee kann mangels Bäume nicht die Rede sein. Auch die Seitenstraßen, die nach weiteren deutschen Dichtern und Autoren benannt sind, sind einsame Stichstraßen ins Nichts. Lediglich an der Heinrich-Böll-Straße stehe schon fertige Häuser. Hier treffe ich auf die Rudower Chaussee und gehe zurück in Richtung Berlin. Und endlich ist auch der Mauerweg wieder ausgeschildert. Ich folge dem ehemaligen Postenweg. Vor der nächsten orangefarbenen Stele an der Ecke mit der Woltersdorfer Chaussee traue ich meinen Augen nicht: ein Huhn pickt am Rande des Mauerweges. Offensichtlich es es ihm gelungen, den Streckmetallzaun, der ein Hühnergehege vom Weg trennt, zu überwinden. Ich passiere die Stele mit der Geschichte von Christel und Eckhardt Wehage. Sie versuchten ein in Schönefeld gestartetes Flugzeug nach West-Berlin zu entführen. Es gelang ihnen nicht, ins Cockpit zu kommen. Als sie merkten, dass das Flugzeug nicht wie gewünscht in Tempelhof, sondern wieder in Schönefeld landete, erschossen sie sich selbst. Die Stelen von Horst Kutscher, Lutz Schmidt und Johannes Sprenger berichten wieder von Flüchtlingen die auf ihrer Flucht erschossen wurden.

Bald erreicht der Mauerweg die A113 und quert den Ort des Spionagetunnels der Operation Gold/Stopwatch. Der Tunnel ist heute zumindest teilweise im Alliiertenmuseum ausgestellt. Über den Tunnel hörten Briten und Amerikaner elf Monate lang Telefonate der sowjetischen Streitkräfte 1955/1956 ab. Auf Openstreetmap ist der Tunnelverlauf eingezeichnet.

Ich gehe noch ein Stück weiter bis kurz vor der Rudower Straße. Ein Rest der Hinterlandmauer ist erhalten und eingezäunt. An der Bushaltestelle Werderlake unter der Brücke der A113 beende ich meine heutige Tour.

 

Etappe XIV: 24.02.2015 Stadtrandsiedlung Marienfelde – U Lipschitzallee (15 km) – Die Stadtkante ist der Weg

An der Haltestelle Stadtrandsiedlung Marienfelde beginne ich heute meinen Weg wieder alleine. Es ist noch sehr früh und der Mauerweg noch leicht vereist. Die Marienfelder Allee dröhnt unheimlich laut über die offene Feldlandschaft. Hier führen viele Hundebesitzer ihre Hunde aus. Nach kurzem Spaziergang erreiche ich die Stelle an der Christoph-Manuel Bramböck starb. Von ihm erzählt Cliewe bei fast allen Mauerführungen. Der 14-jährige starb im August 1990, also lange nach dem Mauerfall. Er war wie so viele an die Mauer gekommen, um sich ein Erinnerungsstück aus der Mauer zu klopfen. Er steckte seinen Kopf durch ein schon vorhandenes Loch in der Mauer und wurde von dem oberen Mauerteil, das sich durch die Schläge gelockert hatte, erschlagen.

Schon bald führt der Weg nach Lichtenrade. Der Weg muss einen Umweg durch Lichtenrade nehmen, da es keine Unter- oder Überquerung der Bahnlinie gibt. In der Paplitzer Straße führt der Weg wieder zurück auf den Mauerweg und schon stehe ich wieder an der Stadtkante, vor mir freies Feld.

An dieser Stelle starb Eberhard Wroblewski, der 1966 bei einem Fluchtversuch erschossen wurde. Vier der Grenzer, die auf ihn geschossen haben, wurden 1995 wegen (versuchten) Totschlags zu Freiheitsstrafen auf Bewährung verurteilt. Noch vor dem Kirchhainer Damm steht die nächste Stele, die an den nächsten erschossenen Flüchtling erinnert. Herbert Kiebler starb 1975, er verblutete im Grenzstreifen an seinen schweren Verletzungen. Die Wahrheit über seinen Tod blieb bis in die 1990ger Jahre im Dunklen. Erst dann wurde sein Tod aufgeklärt und die Todesschützen zu Bewährungsstrafen verurteilt.

An der Stelle des ehemaligen LKW Grenzüberganges zur Deponie Schöneiche, steht eine Skulptur der Bildhauerin Kerstin Becker. Der Weg führt nun nach Norden, am östlichen Rand Lichtenrades entlang.

An der Lichtenrader Chaussee ist der befestigte und ausgeschilderte Mauerweg unterbrochen. Aufgrund von Privateigentum war es bisher nicht möglich, den Mauerweg anzulegen. Die offizielle Route verläuft deshalb durch die Braunfelsstraße, ich bleibe jedoch auf dem ehemaligen Grenzstreifen, schon deshalb, weil in der Ferne eine der orangenen Stelen leuchtet. Sie ist für Horst Kullack, der Silvester 1971 bei einem Fluchtversuch angeschossen wurde und im Januar 1972 an seinen schweren Verletzungen starb. Auch seine Todesschützen wurden mehr als 20 Jahre später zu Bewährungsstrafen verurteilt. Der Weg ist klar sichtbar, wenn auch nicht befestigt. Rechts ist die Stadt, links das freie Brandenburger Feld. Am Töpchiner Weg knickt der Weg wieder nach Osten ab und wird wieder zum Mauerweg.

Hinter dem Buckower Damm wachsen Großziethen und Neukölln zusammen. „100 Meilen Berlin“ hat jemand auf den Mauerweg geschrieben. Am Stuthirtenweg ist der Mauerweg wieder teilweise unterbrochen, aber es ist nicht schwer, die Umwege zu finden. An der Ringslebenstraße/Grenzstraße verlaufen zwei Straßen parallel. Rechts, auf der brandenburgischen Seite stehen schöne neue Häuser. In der Ferne sind bereits die Hochhäuser der Gropiusstadt zu erkennen. Kurz vor dem Ziel muss ich noch einmal den Mauerweg verlassen und durch eine Kleingartenkolonie gehen. Am Ende der Ringslebenstraße wird gebaut und es ist kein Durchkommen. Ich gehe weiter auf dem Wildhüterweg bis zum Kölner Damm und bis zum U-Bahnhof Lipschitzallee. Eine lange Etappe ist zu Ende.

 

Etappe XIII: 21.02.2015 S-Lichterfelde-Süd - Stadtrandsiedlung Marienfelde (6 km) – An der Stadtkante entlang

Zusammen mit Cliewe gehe ich am Ahlener Weg wieder zurück auf die Kirschblütenallee. Zielsicher geht der Stadtführer auf den Streckmetallzaun zu, der den Gartenzaun der Häuser auf der Teltower Seite ersetzt. Auch hinter der Unterquerung der Bahn setzt sich die Kirschblütenallee fort. Bald erreichen wir die erste Stele:für Hans-Jürgen Starrost. Er wurde 1981 an dieser Stelle bei einem Fluchtversuch angeschossen und starb nach einigen Tagen an seinen schweren Verletzungen, nicht ohne vorher von der Stasi vernommen worden zu sein.

Am Ende der Kirschblütenallee biegt der Weg nach Osten ab und folgt nun immer weiter der Stadtkante. Nach einer Weile queren wir die Osdorfer Straße. Rechts von uns liegt noch immer freie Brandenburgische Feldlandschaft. Nach nur etwas mehr als einer Stunde beenden wir unsere heutige kurze Tour an der belebten Marienfelder Allee. Dort befindet sich eine BVG Wendeschleife und die Bushaltestelle Stadtrandsiedlung Marienfelde.

 

Etappe XII: 08.02.2015 Berlepschstraße bis S-Lichterfelde Süd (9 km) – Am Teltowkanal

Mit der BVG geht es wieder bis an den Stadtrand, zur Berlepschstraße, direkt an der Grenze zu Kleinmachnow. Hier befindet sich eine Stele für Walter Kittel. Walter Kittel wurde 1965 bei einem Fluchtversuch erschossen, obwohl er sich bereits den Grenzern ergeben hatte. Sein Todesschütze erhielt 1993, fast 30 Jahre nach der Tat eine Strafe von zehn Jahren Gefängnis wegen Mordes.

Der Mauerweg führt weiter auf Berliner Gebiet durch die Neuruppiner Straße. Eine Tafel erinnert an einen Fluchttunnel, der 1962 zwischen Zehlendorf und Kleinmachnow gegraben wurde. Der Tunnel wurde verraten und mehr als 20 Personen wurden festgenommen, darunter Fluchtwillige und -helfer, sowie einige der Tunnelgräber. Der Tunnel sollte gesprengt werden. Die entsprechenden Sprengladungen waren bereits angebracht. Weitere vier Tunnelgräber bekamen von den Verhaftungen nichts mit und entgingen nur knapp der Sprengung, „weil ein couragierter und bis heute unbekannt gebliebener Stasi-Mitarbeiter das Zündkabel unbemerkt durchschnitten hatte.“

Am Ende der Neuruppiner Straße biegt der Weg nach Süden ab und quert die Machnower Straße. Bis zum 31. März 1990 war Deutschland an dieser Stelle geteilt, heute herrscht reger Verkehr. Nun geht es entlang des Buschgrabens auf der Grenze zwischen Zehlendorf und Kleinmachnow weiter bis zum Teltowkanal.

Es strahlender blauer Himmel und viele Menschen nutzen die Gelegenheit am Kanal auf einer der vielen Bänke zu sitzen und Sonne zu tanken. Am Teltower Damm wechselt der Mauerweg das Ufer und führt nun auf Brandenburger Gebiet am Kanal entlang weiter. Hier steht eine Stele für vier Maueropfer: Peter Mädler, Karl-Heinz Kube, Roland Hoff und Günter Seling. Peter Mädler war es gelungen auf seiner Flucht die Grenzanlagen vor dem Ufer unbemerkt zu überwinden. Er schwamm durch den Kanal, als der unter Beschuss genommen wurde. Er tauchte unter und musste kurz vor der Grenze noch einmal auftauchen. Er wurde erneut, dieses Mal gezielt beschossen und tödlich getroffen. Auch Karl-Heinz Kube wurde auf der Flucht erschossen. Der erst 17-jährige versuchte mit einem Freund zu fliehen. Der Freund wurde unverletzt festgenommen, Karl-Heinz Kube von zwei Kugeln tödlich getroffen. Den Eltern wurden die Umstände des Todes verschwiegen. Sie erhielten eine Urne mit der Asche ihres Sohnes. Roland Hoff wollte ebenfalls durch den Teltowkanal schwimmen und wurde dabei erschossen. Sein Name wurde in der DDR geheim gehalten – er war Westdeutscher, der Fall dadurch besonders brisant. Günter Selig war Postenführer und auf Kontrolle im Grenzgebiet unterwegs. Im dichten Nebel näherte er sich einem Grenzposten, der ihn offenbar für einen Flüchtling hielt und ihn unter Beschuss nahm. Er erlag seinen Verletzungen und wurde mit militärischen Ehren begraben.

Trotz dieser traurigen Geschichten strahlt die Sonne weiter und so setze ich meinen Weg fort. Zwischen Kanal und Weg fällt der gut erhaltene KFZ-Sperrgraben auf. Auf der anderen Seite ist noch ein Rest Streckmetallzaun erhalten.

An der Ecke Paul-Gerhardt-Straße knickt der Mauerweg nach Süden ab. Auch hier eine Stele mit der Geschichte eines Maueropfers. Klaus Garten wurde an dieser Stelle im August 1965 angeschossen. Er wurde stark blutend im KFZ-Graben gefunden und starb kurz darauf an seinen Verletzungen.

Hinter der Lichterfelder Allee beginnt die Kirschblütenallee, die ich am Ahlener Weg verlasse, um am S-Bahnhof Lichterfelde-Süd diese Mauerwanderung zu beenden.

 

Etappe X: 01.02.2015 S-Wannsee bis S-Griebnitzsee – Herrlicher Spazierweg am Wasser

Für diese Etappe war es nicht schwer, eine Freundin zu begeistern. Bei herrlichem Sonnenschein fahren wir zum S-Bahnhof Wannsee und gehen von dort die Königstraße entlang. Wir frühstücken bei einem Bäcker und schummeln dann ein wenig. Wir nehmen den Bus 218 bis zur Haltestelle Pfaueninsel und „sparen“ uns so den Mauerweg durch den Düppeler Forst. Die Pfaueninsel lassen wir rechts liegen und biegen ein auf den Mauerweg. Bald passieren wir die russisch anmutende Kirche Peter und Paul auf Nikolskoe, die auf einem Hügel links über uns thront. Eine Tochter von König Friedrich Wilhelm III hatte den Zarensohn Nikolai geheiratet und damit eine wichtige Verbindung zwischen den preußischen Hohenzollern und dem russischen Zarenhof hergestellt. 1819 ließ der preußische König in der Nähe der Pfaueninsel zu Ehren seines Schwiegersohnes das Blockhaus Nikolskoe erbauen. (Nikolskoe = russ. Genitiv – des Nikolai, russisch gesprochen „Nikolskoje“ - Berlinerisch: „Nikolskö“). Bald darauf erfolgte der Bau der Kirche Peter und Paul.

Wir gehen weiter auf dem Uferweg und haben einen schönen Blick auf die Pfaueninsel und das Schloss. Schon bald erblicken wir die Sacrower Heilandskirche auf der anderen Seite der Havel. Eine Stele erklärt die Geschichte der Heilandskirche. Bald sehen wir die Meierei, die in der Nähe des Schloss Cecilienhofs liegt. Das Schloss Cecilienhof selber ist von hier nicht zu sehen, es liegt gut verborgen hinter einer Landzunge.

Der Weg biegt nach links ab und umrundet das Schloss Glienicke. Nun sehen wir schon die Glienicker Brücke und die Villa Schöningen auf der anderen Uferseite in Potsdam.

Wir spazieren nun wieder ein kleines Stück an der Königstraße entlang und biegen ab auf dem Mauerweg nach Klein Glienicke, das wie eine DDR-Exklave in das West-Berliner Gebiet hineinragte. Hier steht eine der wenigen Stelen an dem Mauerweg, die von einer Flucht mit gutem Ausgang erzählt.1973 konnten von hier neun Menschen nach West-Berlin durch einen selbst gegrabenen Fluchttunnel flüchten. Wir werfen noch einen Blick auf die Schweizer Häuser, die Prinz Carl von Preußen Ende des 19. Jahrhunderts errichten ließ. An der Brücke nach Babelsberg finden wir die nächste Stele, die von fünf Mauertoten erzählt: vier von ihnen warten Flüchtlinge, einer war ein Grenzsoldat, der von einem flüchtenden Grenzsoldaten erschossen wurde.

Wir gehen über die Brücke und laufen an den vornehmen Villen am Griebnitzsee entlang. Der Uferweg ist teilweise wieder begehbar und die Möglichkeit, wieder ans Wasser zu gehen, nutzen wir. Bis zur Truman Villa können wir wieder am Wasser entlang gehen. In der Villa hatte US Präsident Harry S. Truman während der Potsdamer Konferenz residiert. Heute hat hier die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit ihren Sitz. Hinter der Truman Villa ist schon wieder Schluss mit Freiheit - der Uferweg ist wieder blockiert. Wir gehen also wieder hoch auf die Karl-Marx-Straße und biegen in die Rudolf-Breitscheid-Straße ein, die zum S-Bahnhof Griebnitzsee führt.

 

Etappe IX: 25.01.2015 Haltestelle Hottengrund (Kladow) bis Sacrower Heilandskirche (3,4 km) – Nebenroute in Potsdam

Die heutige Etappe ist mit 3,4 km eher beschaulich kurz, dafür sind An- und Abreise aus Berlin recht weit. Die Anfahrt nach Kladow zur Haltestelle Hottengrund ist eine Berlinreise mit Bahn und Bus über Spandau, Gatow und Kladow.

Im Hottengrund angekommen, erreichen wir bald den Abzweig, der uns beim letzten Mal zum Fähranleger in Kladow geführt hat. Kurz darauf überqueren wir die heute völlig unspektakuläre Stadtgrenze von Berlin und Potsdam, mitten im Wald. Die Sacrower bzw. Kladower Straße, wie sie auf Potsdamer Seite heißt, diente zu Mauerzeiten als Kolonnenweg. Der Baumbewuchs ist jung und an vielen Stellen wieder einmal dominiert durch Birken und Fichten.

Schon nach kurzer Gehzeit leuchtet eine er orangenen Stelen der Stiftung Berliner Mauer am Straßenrand. Sie erinnert an Rainer Liebeke, der am 3.9.86, bei einem Fluchtversuch im Sacrower See ertrank. Er hatte mit einem Freund eine Fluchtroute gewählt, bei der sie zunächst den Sacrower See, der noch vollständig auf DDR Gebiet liegt, durchschwimmen wollten, um in das Grenzgebiet zu gelangen. Beide versuchten, durch Zurufe Kontakt zu einander zu halten. Als Liebekes Freund das Ufer erreichte, war er allein. Ihm gelang die Flucht nach West-Berlin. Liebeke wurde eine Woche später tot am Seeufer aufgefunden. Nach dieser wieder einmal traurigen Mauergeschichte gehen wir weiter und sehen bald Zaunreste im Wald. Wir sind kurz vor Sacrow. Nach dem Ortseingangsschild befindet sich eine Bus-Wendeschleife und am Dorfende wieder eine orangene Stele.

Hier wurde Lothar Hennig erschossen. Hennig wohnte im Grenzgebiet und war wie an jedem Arbeitstag abends mit dem Bus zurück nach Sacrow gefahren. Offensichtlich hatte es bereits Flüchtlingsalarm an dem Tag in Sacrow gegeben, d.h. die Stimmung war nervös. Der Busfahrer machte Hennig darauf aufmerksam. Der jedoch wähnte sich in Sicherheit. Schließlich war er hier zu Hause, bei der Einfahrt in das Grenzgebiet bereits kontrolliert worden und berechtigt, sich hier aufzuhalten. Wie immer, joggte er den Weg von der Bushaltestelle nach Hause. Ein Grenzposten tötete Lothar Hennig mit einem Schuss in den Rücken. Der Grenzschütze wurde nach dem Mauerfall, 21 Jahre nach der Tat, zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt.

Auch nach dieser traurigen Geschichte bleibt nur das Weitergehen. Bald kommen wir zum Park Sacrow, Teil des UNESCO Welterbes der Schlösser und Gärten Potsdams. Auch der Park hat eine traurige Vergangenheit hinter sich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Park DDR-Zollhunde ausgebildet. Dafür wurden Flächen betoniert, Garagen und Hundezwinger gebaut und nicht zu vergessen die Grenzanlagen der Berliner Mauer, natürlich ohne Rücksicht auf die von Peter Lenné gestaltete Gartenlandschaft. Bereits vom östlichen Eingang des Parkes kann man einen Blick auf die Heilandskirche erhaschen und wer näher kommt, erkennt hinter der Kirche die Glienicker Brücke. Die Kirche ist eingerüstet, aber trotzdem geöffnet.

Ein freundlicher ehrenamtlicher Stadtführer erzählt über die Geschichte der Kirche und den ersten Gottesdienst nach dem Mauerfall. Bis auf den noch original erhaltenen Fußboden sind quasi alle Elemente der Inneneinrichtung soweit möglich, originalgetreu rekonstruiert. Wer romantisch kirchlich heiraten möchte, kann das hier tun.

Der Campanile neben der Kirche ist übrigens der erste Telegrafenmast Deutschlands. „An dieser Stätte errichteten 1837 Prof. Adolf Slaby und Graf von Arco die erste deutsche Antennenanlage für drahtlosen Verkehr“. Diese Inschrift umrahmt eine von Atlas getragene Weltkugel im Blitzgewitter, auf einer Tafel über dem Eingang zum Campanile.

An der Sacrower Heilandskirche endet die Nebenroute des Berliner Mauerwegs. Die nächste Etappe beginnt am S-Bahnhof Wannsee und führt am gegenüberliegenden Ufer der Havel entlang.

 

Etappe VIII: 18.01.2015 Haltestelle Landschaftsfriedhof Gatow bis Fähre Kladow (12 km) – Verwirrender Grenz- und Mauerwegverlauf

Die Bushaltestelle Landschaftsfriedhof Gatow liegt an der Potsdamer Chaussee, die bei einem schnellen Blick auf die Karte mit dem Verlauf der Berliner Mauer, sehr gut zu erkennen ist. Ein schnurgerades Stück Straße zwischen Berlin und Brandenburg, davon ca. 5km begleitet durch den Berliner Mauerweg. Damit der Fußweg nicht so langweilig ist, haben wir die letzte Etappe etwa auf der Hälfte dieser Straßenstrecke beendet. Dort beginnen wir also heute. Der Weg führt zunächst am Landschaftsfriedhof entlang. Leider ist die Straße sehr gut zu hören, bis der Mauerweg etwas weiter in Richtung der offenen Feldlandschaft verspringt. Das ist das Landschaftsschutzgebiet Gatower Feldflur. Vögel zwitschern als wäre es bereits Frühling. Es sind zwar nur wenige Plusgrade, aber die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel. In der Ferne ist der Grunewaldturm zu erkennen. Parallel zu einer alten Allee führt der Mauerweg (leider) wieder zurück zur Potsdamer Chaussee, bis er endlich am Landschaftspark Gatow abbiegt in die Privatstraße, quer durch ein Wohngebiet. An der nächsten Ecke sind wir kurz irritiert. Hier kreuzen Ritterfelddamm, Drosselstraße und Gutsstraße. Wo geht es weiter, wo ist der sonst immer so hervorragend zu sehende Mauerweg-Wegweiser? Dort. Vor dem großen Portal zum Gutspark Groß Glienicke. Kurz nachdem wir das Portal durchschritten haben, sehen wir bereits Betonreste der Berliner Mauer. Dann sehen wir ein Stück Streckmetallzaun, dann einen Rest Berliner Mauer der 1. Generation. Der Streckmetallzaun stammt aus der 2. Hälfte der 1960ger Jahre. Die Berliner Mauer der 1. Generation aus Hohlblocksteinen steht seit 1961/1962. Teilweise ersetzen Mauerreste des Gutshofes die 1. Generation Mauer, gut sichtbar an den zugemauerten Fenstern. Eine Situation wie sie auch an der Bernauer Straße vorhanden war, als die Erdgeschosszone der abgerissenen Mietshäuser die „Mauer“ bildete. Wir befinden uns nun mitten im Todesstreifen zwischen 1. Generation Mauer und Streckmetallzaun. Beides führt direkt auf den Groß Glienicker See zu. Hinter dem Streckmetallzaun, also weiter auf Brandenburger Gebiet, befindet sich der Mauerrest, den wir bereits von weitem gesehen haben. Quasi eine dritte Mauer, weiter ins DDR-Hinterland versetzt. Der Stadtführer versucht die verwirrende Mauersituation zu erklären. Mit der neuen Hinterlandmauer wurde der Zugang (und der Blick) auf den See komplett versperrt, die Mauer sozusagen „begradigt“ und der Todesstreifen verbreitert. Heute ist es möglich, hinter den Streckmetallzaunrest wieder direkt an de See zu gehen, eine Möglichkeit, die aufgrund des strahlenden Sonnenscheins von vielen Spaziergängern wahrgenommen wird.

Der Mauerweg verlässt den Gutspark und führt um den Groß Glienicker See herum. Wir entdecken eine alte Einfahrt in den Kolonnenweg, noch ein kleines Stück Streckmetallzaun und Reste eines Betongitters, das das Untergraben der Mauer verhindern sollte. Etwas weiter stehen zwei fast verfallene Häuser, die die Zeit von Mauer und Todesstreifen und den darauf folgenden Leerstand bis heute offensichtlich nicht verkraftet haben. Wir gehen weiter am See entlang und stehen plötzlich in einer Sackgasse. Der Mauerweg endet abrupt, weil Privatgrundstücke bis ans Wasser reichen. Zustände wie am Griebnitzsee, nur das hier das betreffende Privatgrundstück verwildert ist, was doppelt ärgerlich ist. Also marschieren wir ein ganzes Stück zurück, bis wir bei einer Häuserlücke vom Seeufer auf die hinter den Häusern liegende Seepromenade einbiegen können. Seepromenade ist aus dem Blickwinkel der Häuserbewohner sicher richtig, der Spaziergänger kann von der Promenade aus nichts vom See erkennen. Am südlichen Ufer des Sees führt der Mauerweg wieder direkt an den Groß-Glienicker See heran und herum.

Der Mauerweg führt nun auf der Grenze zu Kladow durch ein Waldgebiet und zieht sich etwas hin, bis wir die Havel erreichen. Hier müssen wir entscheiden – weitergehen bis zur Sacrower Heilandskirche, wo der Mauerweg in einer Sackgasse endet oder weitergehen bis zum Fähranleger nach Kladow und von dort mit der BVG-Fähre nach Wannsee fahren. Wir finden, wir sind lange genug unterwegs und nehmen den Weg nach Kladow. Auch dieser zieht sich noch etwas hin. Wir gehen also am Ufer von Havel und Wannsee und können bald die Fähre entdecken, die in Wannsee losgefahren ist und jetzt das Strandbad Wannsee passiert. Wir gehen strammen Schrittes mit der Fähre um die Wette und treffen quasi gleichzeitig am Anlegersteg ein. Müde sinken wir in die Sitze der Fähre und genießen die Überfahrt. Beim nächsten Mal gehen wir zur Sacrower Heilandskirche.

 

Etappe VII: 11.01.2015 Bahnhof Berlin-Staaken bis Haltestelle Landschaftsfriedhof Gatow (12 km) – Ruhige Wanderung am Hahneberg

Die heutige Etappe beginnt am Bahnhof Berlin-Staaken und führt entlang des Hahnebergs zur Potsdamer Chaussee. Trotz des Windes wird es eine ruhige, angenehme Tour – wieder in Begleitung von Stadtführer Cliewe.

Vom Bahnhof gehen wir den Nennhauser Damm hinunter und treffen bald auf die Doppelpflasterreihe, die den Verlauf der Vorderlandmauer markiert. Kurz bevor die Dorfkirche Alt-Staaken erreicht wird, biegt der Mauerweg am Brunsbütteler Damm ab und führt am schönen Grünzug Bullengraben / Stieglake entlang. An der Ecke Hauptstraße / Bergstraße treffen wir auf das Gedenkkreuz für Dieter Wolfahrt, der an dieser Stelle am 9.12.1961 erschossen wurde. Wolfahrt hatte bis zu diesem Zeitpunkt schon einigen Menschen bei der Flucht aus der DDR geholfen. Am 9. Dezember 1961 wollte er mit einem Freund die Mutter einer Bekannten aus der DDR nach West-Berlin bringen. Die Flucht wurde verraten und Wolfahrt erschossen.

Nicht weit davon entfernt befindet sich der ehemalige Grenzübergang Staaken. Auch hier war in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 die Grenze geöffnet wurden.

Wie so oft ist auch in Staaken schwierig auszumachen, wo Ost und West ist. Staaken selbst wurde hin und her geschoben zwischen den Mächten. Der Flughafen Gatow in der britischen Besatzungszone lag eben nicht vollständig in der britischen Zone. Die Startbahnen lagen im Osten. Den Sowjets ging es nicht viel anders. Ein Teil der Startbahn des Flugfelds Staaken lag im britischen Sektor. Man einigte sich: die Briten bekamen den gesamten Flugplatz Gatow, die Sowjets das gesamte Flugfeld Staaken. Das hatte zur Folge, dass Staaken geteilt wurde. Welche absurden Folgen das hatte, kann man in einem Spiegel Artikel nachlesen: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44448728.html.

Von der Kreuzung Heerstraße / Bergstraße gut sichtbar: ein Stück Streckmetallzaun am Fuße des Fort Hahneberg. Bester Nirosta-Stahl aus dem Westen für die Grenzsicherung im Osten.

Fort Hahneberg wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Außenfort der Festung Spandau errichtet. Es wurde bedeutungslos, als immer bessere Sprengstoffe erfunden wurden. Mitte der 1930iger Jahre wurde das Fort als Kaserne genutzt und elektrifiziert. Nach dem Krieg sprengten die Alliierten Teile der Anlage und gaben es zum Abbruch frei. Von 1952 bis 1990 lag das Fort im Grenzgebiet. Während für Menschen das Betreten verboten war, siedelten sich Fledermäuse an. Das Fort ist zu einem wichtigen Winterschlafquartier für Fledermäuse geworden.

Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich der 87 Meter hohe Hahneberg. Eine Bauschuttdeponie wurde hier zu einem Berg und einem Naherholungsgebiet mit Naturreservat.

Der Mauerweg verläuft am Fuße des Hahnebergs. Wie auf fast allen bisherigen Abschnitten des Mauerwegs, kommen uns Jogger und Wanderer mit Walking Stöcken entgegen. Der Weg verläuft auf der westlichen Seite, gut zu erkennen am Baumbestand: dicke Eichen, dahinter schlanke Birken als typischer Bewuchs des ehemaligen Todesstreifens. Schon erreichen wir die Potsdamer Chaussee. Nun führt der Weg immer der Straße entlang, vorbei an ehemaligen Rieselfeldern. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Rieselfelder angelegt, um Berliner Abwässer zu reinigen. Diese Maßnahme sorgte für bessere Hygiene in der Stadt und für eine Schwermetallbelastung der Rieselfelder. Aus den Rieselfeldern Karolinenhöhe bei Gatow ist inzwischen ein Landschaftsschutzgebiet geworden. Wir wandern gemütlich vor uns hin, plötzlich Unruhe, ein Auto bremst, zwei große Rehe laufen über die Straße und galoppieren über das Rieselfeld. Bald sind sie im Gras und den Büschen nicht mehr auszumachen.

Wir beenden unsere Wanderung heute an der Bushaltestelle Landschaftsfriedhof Gatow.

 

Etappe VI: 03.01.2015 Bushaltestelle Bürgerablage bis Bahnhof Berlin-Staaken (12 km) – Unerwartete Begegnungen

Die heutige Etappe führt über weite Strecken durch den Spandauer Forst. Als ich an der Bushaltestelle Bürgerablage aus dem Bus 136 aussteige bin ich alleine im Wald und erwarte eine einsame Wanderung. Zügig gehe ich los, durch Mischwald: Kiefern, Eichen, Birken, Buchen. Es ist in der Tat ein ruhiger Weg. Plötzlich raschelt es laut auf einer Anhöhe rechts von mir. Ein schwarz-weißer Hund rennt durch den Wald. Er ignoriert mich. Frauchen oder Herrchen sind nicht zu sehen und der Hund ist so schnell verschwunden, wie er aufgetaucht ist. Mein erster Stopp ist ein Aussichtsturm am Laßzinssee. Hier kommt mir ein Mann mit Walking-Stöcken entgegen. Ich treffe später noch auf Jogger und Joggerinnen mit und ohne Hund und Fahrradfahrer. Der Weg ist also alles andere als einsam. Der Mauerweg führt um den See herum und trifft bald auf die Schönwalder Allee. Die Straße ist so schmal, so dass Haltebuchten angelegt wurden, damit Autos einander passieren können. Eine Frau hält an und fragt mich, ob sie mich mitnehmen soll. Ich lehne dankend und lachend ab. An der Grenze zu Schönwalde befindet sich ein Gedenkstein für die Opfer der DDR-Grenze. Eines von ihnen war Dietmar Schwietzer, der 18-jährig bei seinem Fluchtversuch an dieser Stelle von drei Kugeln tödlich getroffen wurde. Die Gemeinde hat Tafeln mit Fotos der ehemaligen Grenzanlagen aufgestellt.

Der Weg führt nun in Richtung Eiskeller. Der macht erst einmal seinem Namen alle Ehre, denn es pfeift ein eisiger Wind über die Wiesen. In Eiskeller wurden vor der Erfindung des Kühlschranks, Lebensmittel kühl gelagert und Eisblöcke, die aus dem Falkenhagener See geschlagen wurden gelagert, bis es an Berliner Brauereien verkauft wurde. Eiskeller war zu Zeiten des Kalten Krieges eine West-Berliner Exklave auf DDR-Gebiet. Sie war durch einen 4 Meter breiten und 800 Meter langen Korridor mit dem West-Berliner Bezirk Spandau verbunden. Die so genannte „Schulschwänzer-Affäre“ führte dazu, dass nach dem Mauerbau 1961 vorübergehend Britische Soldaten in Eiskeller stationiert wurden. Ein damals 12-jähriger Junge hatte seinen Eltern berichtet, er sei auf dem Weg zur Schule von DDR-Grenzpolizisten festgehalten worden. Zur damaligen Zeit eine glaubhafte Geschichte. Erst Jahre später stellte sich heraus, dass es eine perfekte Ausrede zum Schule schwänzen war. Allerdings nur für einen Tag – danach gab es für die Kinder von Eiskeller Geleitschutz durch einen britischen Panzerspähwagen auf ihrem Weg zur Schule.

Der Weg führt nun wieder durch den Wald nach Süden in Richtung Falkensee bzw. Spandau. Plötzlich höre ich es links hinter mir schnaufen im Wald. Ich drehe mich um. Wildschweine. Ich zähle sechs Tiere – es können aber auch mehr sein. Wie kann eine Rotte Wildschweine unbemerkt von mir 50 Meter von mir entfernt den Waldboden umpflügen? Was tun, wenn die Wildschweine näher kommen? Ein passender Baum zum hochklettern ist nicht in der Nähe (jedenfalls keiner, auf den ich raufkommen würde). Rennen? Die Tiere sind sicher schneller als ich. Mit einem Ast verteidigen? Lachhaft. Auf der Stelle festfrieren? Wie lange? Also dezent weitergehen. Ich drehe mich noch ein paar Mal um, aber die Wildschweine sind schon wieder im Wald verschwunden. Bis auf das eine Schnauben, war von ihnen nichts zu hören. Ein Foto machen! Zu spät.

Also weiter auf dem Weg. Die nächste orangefarbene Stele leuchtet im Wald. Sie ist für Adolf Philipp, der im Mai 1964 erschossen wurde. Kein Fluchtversuch hat ihn in die Nähe der Grenzanlagen geführt, sondern Neugier. Philipp stammte aus Bayern und lebte in West-Berlin. Er erkundete nicht nur die Sektorengrenze, sondern auch das Niemandsland. Als Grenzer bei einer Patrouille Fußspuren entdecken, treffen sie kurz später auf Adolf Philipp, der sich in einem Erdbunker versteckt hat. Die Grenzer fühlen sich von ihm bedroht und eröffnen das Feuer und töten Adolf Philipp.

Eine Aufschrift auf dem Mauerweg holt mich zurück ins Hier und Heute: „Reiten verboten“ und „Reiter versauen alle Waldwege“. Da scheint jemand sauer auf seine Mitmenschen und ihre Pferde zu sein.

Nur kurze Zeit später stoße ich auf die nächste Stele: für Klaus Schulze und Helmut Kliem. Wieder zwei Tote, beide erschossen. Kliem wollte auf seinem Motorrad seine Frau abholen. Sein Bruder saß bereits auf dem Motorrad und beide unterhielten sich angeregt. Kliem verfuhr sich, verpasste die Abfahrt zur Arbeitsstelle seiner Frau und sah plötzlich ein Einfahrtstor zu den Grenzanlagen vor sich. Er drehte um, um zurückzufahren. Der Torwächter feuerte auf das Motorrad und traf beide Brüder. Helmut Kliem hielt an und stieg ab und brach getroffen zusammen. Ein Anwohner, der helfen wollte, wurde von den Grenzern mit der Schusswaffe daran gehindert. Viel zu lange dauerte es, bis ärztliche Hilfe kam. Helmut Kliem verblutete.

Klaus Schulze versuchte mit einem Freund zu fliehen. Sie überquerten die ersten Sperranlagen mit Hilfe einer Leiter und lösten Alarm aus, als Schulze über einen Draht stolperte. Im Kugelhagel gelang es dem Freund, das letzte Sperrelement zu überwinden, Klaus Schulze starb durch einen Schuss in die Brust.

Nicht weit von dieser Stelle beginnt die Siedlungskante. Links Spandau, rechts Falkensee. An mehreren Bäumen hängen Zettel „Schaffell hier vergessen“. Es gibt Finderlohn, aber ein Schaffell ist hier nicht in Sicht. Eine Skulptur „Mauerkletterer“ steht kurz vor der Falkenseer Chaussee am Wegesrand. Im August 2011 wurde anlässlich der Erinnerung an 50 Jahre Mauerbau die Ausstellung SPURENSUCHE: Mauer Falkensee – Spandau eröffnet. Auf verschiedenen Informationstafeln beschreibt die Ausstellung, wie Menschen aus Falkensee und Spandau den Mauerbau, das Leben mit der Mauer und den Mauerfall erlebt haben. Es wird auch Erich Honecker zitiert: „Überall muss ein einwandfreies Schussfeld gewährleistet werden … nach wie vor muss bei Grenzdurchbruchsversuchen von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch gemacht werden, und es sind die Genossen, die die Schusswaffe erfolgreich angewandt haben, zu belobigen; an den jetzigen Bestimmungen wird sich diesbezüglich weder heute noch in Zukunft etwas ändern.“ Erich Honecker, zit. nach: Protokoll der 45. Sitzung des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, 3. Mai 1974. Quelle: BA-MA, DVW 1/39503, dok. In: Werner Filmer/Heribert Schwan, Opfer der Mauer. Die geheimen Protokolle des Todes, München 1991, S. 389, 393/394.

Von hier, an der Falkenseer Chaussee gäbe es die Möglichkeit mit dem Bus zurück ins Zentrum von Berlin zu fahren, ich gehe jedoch noch ein Stück weiter auf dem Mauerweg. Der Finkenkruger Weg führt durch ein Wohngebiet. Schon von Weitem sehe ich die nächste orangene Stele. Hier wurde Willi Block bei einem Fluchtversuch erschossen. Er bliebt im Stacheldraht der KFZ-Sperren hingen und wurde im Kugelhagel getötet. Sein Vater musste eine Schweigeverpflichtung über die Todesumstände seines Sohnes unterschreiben und einer Urnenbestattung zustimmen.

Ich gehe weiter den Finkenkruger Weg entlang. Nun ist es nicht mehr weit bis zum Bahnhof Berlin-Staaken. Ich habe Glück und muss nur 10 Minuten auf die ODEG-Bahn nach Spandau warten.

 

Etappe V: 11.12.2014 S-Heiligensee bis Bushaltestelle Bürgerablage (10 km) – Zwischen Gewässer und Gewerbe

Vom S-Bahnhof Heiligensee gehe ich an der Ruppiner Chaussee nach Norden, bis ich auf den Mauerweg treffe. Nach ein paar hundert Metern quert die Straße die ehemalige Grenze – sehr gut zu erkennen an den unterschiedlichen Straßenlaternen. Spätestens der breite Grünstreifen ohne größeren Bewuchs verrät den ehemaligen Todesstreifen. Ein Schild weist darauf hin, dass an dieser Stelle die Grenze am 13.01.1990 um 9:45 Uhr geöffnet wurde. Die ehemalige Kaserne Henningsdorf kündigt sich an durch einen Streckmetallzaun und verfallene kleinere Gebäude. Die großen Kasernengebäude werden gerade saniert. Ein paar Meter weiter, quere ich die Havel und passiere den kleinen Hafen von Henningsdorf. Richtig idyllisch ist es hier. Der Weg führt nun durchgängig an der Havel entlang. Auf der anderen Seite liegt das Gewerbegebiet von Henningsdorf. Schilder weisen darauf hin, das das Ufergelände zum Betriebsgelände von Bombardier gehört. Während ich in Richtung Süden weitergehe, werden bei Bombardier Zugteile hin und her gefahren. Ich erkenne ein Stück eines ICE und einen Regionalzug. Links von mir sitzen Weißwangengänse am Ufer und lassen sich durch die Betriebsamkeit nicht stören. Auf das Bombardier-Gelände folgt das Biomasse Heinzkraftwerk Henningsdorf.

Die ersten Informationsstelen auf diesem Abschnitt des Mauerweges erinnern an Peter Kreitlow und Franciszek Piesik. Piesik ertrank bei seinem Fluchtversuch in der Havel, Kreitlow wurde 2 km vor der eigentlichen Grenze erschossen. Zu beiden Mauertoten sind die genauen Umstände ihres Todes bis heute ungeklärt.

Bald gelange ich an die ehemalige Wasser-Grenzübergangsstelle Henningsdorf am Nieder Neuendorfer See. Bis zu 6.000 Schiffe zum Transport von Gütern nach Polen passierten jährlich an dieser Stelle die Grenze zur DDR. Sportboote oder Transitverkehr in die Bundesrepublik war an dieser Stelle verboten. Da die Havel zwischen Henningsdorf und Potsdam durch den westlichen Teil Berlins floss (fließt), legte die DDR bereits zwischen 1951 und 1953 den Havelkanal an, um West-Berlin zu umschiffen. Von der ehemaligen Wasserkontrollstelle ist heute quasi nichts mehr übrig.

Der Mauerweg führt nun auf einem neu angelegten Uferweg durch Nieder Neuendorf. Eine Hinweistafel der Gemeinde weist darauf hin, dass das Schloss Nieder Neuendorf 1967 abgerissen wurde. Es wurde wegen seiner Nähe zum Grenzstreifen als Sichtbehinderung angesehen. Nicht weit entfernt befindet sich die Anlegestelle der Stern und Kreis Schiffahrt Nieder Neuendorf.

An einigen Weißwangengänsen vorbei erreiche ich die Führungsstelle Nieder Neuendorf. Der Vergleich mit einem Originalfoto auf der Informationstafel zeigt den Wachturm im ehemaligen Grenzgebiet, schon damals leicht erhöht auf einem eigens aufgeschütteten kleinen Hügel.

Nun verlasse ich auf dem Mauerweg die Bebauung Nieder Neuendorfs. Der Weg führt nun weg vom Havelufer, in einen Wald in Richtung Spandau. Nach einigen Minuten erreiche ich die ehemaligen West-Berliner Exklaven Fichtewiese und Erlengrund. Eine Informationsstele erklärt die absurde Situation der Wochenendgemeinschaften. Die West-Berliner Bewohner mussten DDR-Gebiet passieren, um zu speziellen Öffnungszeiten zu ihren Grundstücken zu gelangen. 1988 wurde im Rahmen eines Gebietsaustausches das umliegende DDR-Gebiet an West-Berlin übergeben, so dass die Anwohner Ihre Grundstücke wieder ohne Beschränkung nutzen konnten.

An der Bushaltestelle Bürgerablage endet meine heutige Wanderung.

 

Etappe IV: 08.12.2014 Invalidensiedlung bis S-Heiligensee (7km) – Durch Wald und Feld

Diese Etappe führt entlang der Stadtkante von Reinickendorf in Richtung Südwesten. Auf der vorhergehenden Tour war der nördlichste Punkt des Mauerwegs erreicht, nun geht es zunächst schnurgerade nach Süden, entlang der Bahnstrecke Hohen Neuendorf – Frohnau. Neben dem Weg wird eine Skateranlage gebaut. Jemand hat ein Schild: „Strawberry Trail“ an den Bauzaun gehängt. Kurz hinter der Anlage knickt der Weg nach Westen ab und umrundet Frohnau. Am Rande des Golfplatzes Stolperheide führt der Weg nach Süden und dann wieder nach Westen durch den Wald. Es geht auf und ab, größere Sehenswürdigkeiten gibt es keine. Obwohl der Weg durch den Wald führt, ist deutlicher Verkehrslärm zu hören. Er wird immer lauter, bis der Mauerweg die Autobahn A 111 überquert. An dieser Stelle befand sich der Grenzübergang Stolpe, der letzte Grenzübergang, der vor dem Fall der Berliner Mauer in Betrieb genommen wurde. Zunächst wurde der Übergang Stolpe nur für den Transitverkehr aus West-Berlin nach Skandinavien genutzt, ab 1988 auch für den Transitverkehr nach Hamburg. Die Finanzierung der Autobahn hatte die Bundesrepublik Deutschland übernommen, um den Transitverkehr nach West-Berlin zu erleichtern. Der Mauerweg passiert den Henningsdorfer Ortsteil Stolpe-Süd. An der Ruppiner Chaussee verlasse ich den Mauerweg, um ein paar hundert Meter zum S-Bahnhof Heiligensee zu gehen.

 

Etappe III: 06.12.2014 Veltheimstraße / Berliner Straße bis Invalidensiedlung (8 km) – Im Wald

Zu Beginn der Führung ist die Beschreibung „Im Wald“ definitiv nicht richtig, denn der Weg beginnt an der vielbefahrenen Oranienburger Chaussee. Heute ist Samstag und es sind nur noch wenige Wochen bis Weihnachten und alle Bewohner des Umlandes scheinen unterwegs in die Stadt um Einkäufe zu erledigen.

Die erste ungewöhnliche Station auf diesem Abschnitt des Mauerwegs ist der so genannte Entenschnabel. Was es damit auf sich hat, zeigt sich bei einem Blick auf den Stadtplan. Wie der Schnabel einer Ente reicht das Gebiet des Ortes Glienicke/Nordbahn (ehem. DDR) in die ehemaligen West-Berliner Ortsteile Frohnau und Hermsdorf hinein. Die Straße „Am Sandkrug“ erschloss den Entenschnabel. Was das für die Bewohnerinnen und Bewohner bedeutete, erklärt ein Ehepaar in einem rbb-Interview:

http://www.berlin-mauer.de/videos/brandenburger-mauerbau-zeitzeuge-zur-exklave-entenschnabel-793/

Ich bin heute übrigens nicht alleine unterwegs, Stadtführer Cliewe begleitet mich. Schnell merke ich, dass der Stadtführer das Gehen auf vorgegebenen Wegen nicht gewohnt ist. Er schlägt vor, in den Entenschnabel hineinzugehen, um dann in einem Bogen wieder auf den Mauerweg zurückzukehren, zumal der Mauerweg an der Oranienburger Chaussee aufgrund des Verkehrs so unattraktiv ist. Wir nehmen trotzdem den ausgewiesenen Mauerweg. So kommen wir auch an der Gedenkstele für Friedhelm Ehrlich und Michael Bittner vorbei. Michael Bittner wurde erschossen, als er versuchte das so genannte letzte Sperrelement der Berliner Mauer zu überqueren. Friedhelm Ehrlich war Grenzsoldat, der von einem Grenzposten erschossen wurde, als er betrunken in den Grenzstreifen eingedrungen war. Die Gedenkstele für beide steht zwischen der Straße und einem McDonald's. Größer könnte der Kontrast zum früheren Todesstreifen kaum sein.

Wir gehen weiter die Oranienburger Chaussee entlang und sind dankbar, als der Mauerweg endlich nach rechts in das ruhige Wohngebiet abbiegt und wir somit den Verkehr hinter uns lassen können. Recht schnell wird aus dem Mauerweg ein einsamer Waldweg. Der Weg führt um den Hubertussee herum und an den Rand von Bergfelde. Der Stadtführer ist kurzzeitig verwundert. „Wir sind früher immer zu Verwandten nach Bergfelde gefahren, das habe ich mit unbeschwerter Kindheit und nie mit Mauer und Grenze in Verbindung gebracht.“ An der Stelle, an der der Weg nach Westen abknickt, hat die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald am 25. Jahrestags des Mauerfalls drei Bäume gepflanzt. Eine Kiefer für den Osten, eine Buche für den Westen und eine Eiche für das vereinigte Deutschland. Nur wenige Meter weiter befindet sich am Rande des Kolonnenwegs der Bergfelder Hochzeitsbaumwald. Im ehemaligen Grenzstreifen pflanzen seit Anfang der 1990er Jahre Hochzeitspaare Bäume. Der Stadtführer sucht nach den Namen von Verwandten aus Bergfelde, findet aber keine. Kurze Zeit später stehen wir vor der ehemaligen „Führungsstelle Bergfelde“, einer der wenigen erhaltenen Wachtürme ind/um Berlin. Der Turm wird seit 1990 von der Deutschen Waldjugend genutzt. Eine kleine Ausstellung erinnert an getötete Flüchtlinge. Joachim Mehr, der als 19-jähriger 1964 bei einem Fluchtversuch erschossen wurde, Willi Born, der als 20-jähriger Wehrdienstleistender bei einem Fluchtversuch im Grenzstreifen gestellt wird und sich aus Verzweiflung mit seiner Dienstwaffe selbst erschießt. Rolf-Dieter Kabelitz war ebenfalls 20 Jahre alt, als er versuchte zu fliehen. Nachdem er im Grenzstreifen entdeckt wurde, kehrte er um und wurde angeschossen. Schwer verletzt kam er ins Krankenhaus, wurde operiert und starb schließlich an seinen Verletzungen. Marienetta Jirkowsky stirbt 18-jährig an der Grenze zur Invalidensiedlung nach einem Bauchschuss im Krankenhaus. Zwei der Mauerschützen werden 1995 angeklagt, einer von ihnen ist zum Zeitpunkt des Geschehens ebenfalls 18 Jahre alt und wird freigesprochen, sein 20-jähriger Kamerad wird wegen Totschlags im minderschweren Fall zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Schweren Herzens geht es weiter auf dem schnurgeraden Mauerweg durch den Wald. Ist es besser, den Todesstreifen wieder aufzuforsten oder sollte der Streifen sichtbar bleiben? Wir diskutieren hin und her zwischen der „Darstellung der Brutalität“ und dem „Zusammenwachsen“ und kommen zu keinem Ergebnis.

Ein deutliches Fazit hat jemand gezogen, der an diversen Bäumen einen Zettel befestigt hat. „Kein Lebewesen dieser Welt zerstört seinen eigenen Lebensraum so sehr, wie der Mensch!“ Sollten die „Dreckmenschen“ weiterhin Hausmüll und Abfälle im Wald entsorgen, gäbe es „...eine satte Anzeige.“

Bald ist der Waldrand und die Grenze von Berlin zu Hohen Neuendorf erreicht. Ein Schild erinnert daran, dass hier nicht nur Deutschland, sondern Europa geteilt war. Wir erreichen die Florastraße Hohen Neuendorf, die geradewegs auf die Berliner Invalidensiedlung führt. Vor Jahren waren wir schon einmal hier. Das Haus, das heute in der Verlängerung der Doppelpflasterreihe im ehemaligen Todesstreifen steht, gab es damals noch nicht. Gegenüber steht die Gedenkstele für Marienetta Jirkowsky, an der Kränze und Blumen abgelegt wurden. Nur ein paar Meter entfernt liegt die Invalidensiedlung.

Der Ursprung der Invalidensiedlung befindet sich in der Nähe der Charité, dem ehemaligen Invalidenhaus, heute ein Teil des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Die Idee zum Bau eines Invalidenhauses, stammte von König Friedrich I von Preußen. Gebaut wurde das Invalidenhaus von König Friedrich II (Friedrich der Große) nach dem Zweiten Schlesischen Krieg. Die Nationalsozialisten unterstellten das Invalidenhaus 1937 dem Oberkommando der Wehrmacht und die Bewohner des zentrumsnahen Invalidenhauses mussten in eine neu gebaute Invalidensiedlung am Stadtrand von Berlin umziehen. Noch immer ist es Aufgabe der Stiftung Invalidenhaus Berlin, Kriegsbeschädigten Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Alternativ darf an Schwerbehinderte vermietet werden. Auch wenn die Siedlung am Stadtrand liegt – der Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr ist gegeben. In knapp 50 Minuten ist man von der Invalidensiedlung am Potsdamer Platz oder am Alexanderplatz. Wir fahren in nur 10 Minuten zum S-Bahnhof Frohnau. Startpunkt der nächsten Etappe wird also die Bushaltestelle Invalidensiedlung.

 

Etappe II: 04.12.2014 Wilhelmsruher Damm/Uhlandstraße bis Veltheimstraße / Berliner Straße (8,5 km) – Zwischen Sumpf und Sandkasten

Noch ein Blasenpflaster auf die rechte Ferse und ich bin startklar für die zweite Etappe. Ich fahre wieder mit dem Bus zur Wollankstraße. Die Fahrt wird zur Geduldsprobe, denn in der Kissingenstraße fährt ein Müllwagen vor dem Bus. Busfahrer und Müllmann diskutieren heftig. Ich kann hinten im Bus nicht verstehen, was sie sagen, aber freundlich klingt es nicht. Ich habe mittlerweile alle Fleeceschichten meiner Kleidung so weit wie möglich geöffnet, da der Bus gut geheizt ist, bin trotzdem kurz vor dem Hitzekollaps. Endlich – umsteigen in die S-Bahn bis Wittenau und mit Bus M21 bis zur Endhaltestelle Wilelmsruher Damm / Uhlandstraße, Beginn der 2. Etappe.

Entlang der ehemaligen Industriebahn Tegel Friedrichsfelde führt der Mauerweg zunächst in Richtung Osten an der Endhaltestelle der Straßenbahn M1 vorbei. Der Weg biegt ab in Richtung Norden. Es ist erstaunlich, wie schnell der Lärm der Stadt nachlässt. An der Ecke Straße 126 und Straße 127 ist die Stadt plötzlich zu Ende und es geht hinaus in die freie Feldlandschaft.

Links von mir erhebt sich bald die Lübarser Höhe. Der 85m hohe „Berg“ ist eine ehemalige Mülldeponie und heute Teil des Freizeitparks Lübars.

Zwischen Alter Bernauer Heerweg, Blankenfelder Chaussee und Bahnhofstraße steht an einem Feld eine Erinnerungstafel. An dieser Stelle befand sich das Krankensammellager Blankenfelde Nord. Jämmerliche Barackenunterkünfte für „arbeitsunfähige Ostarbeiter“. Auf der Tafel ist das Zitat eines Mitarbeiters des Auswärtigen Amtes von 1943 angebracht: „Bad fehlt. Entlausungsanstalt fehlt. Keine Desinfektionsmöglichkeit. Keine Medikamente. Ernährung besteht aus 300g Brot und 1 Portion Kohlrübenwassersuppe. Es gibt weder Betten noch Matratzen.... Als dort der Typhus ausbrach, wurden die Baracken geschlossen und wenn es jemand wagte sich zu zeigen, so wurde ohne Warnung geschossen. Frauen in anderen Umständen mussten ihre Kinder im besten Fall auf dem Fußboden, sonst aber auf der Erde zur Welt bringen. Die neugeborenen Kinder erhalten als einzige Ernährung ein viertel Liter Milch auf fünf Tage.“ Eine Luftaufnahme der Alliierten zeigt das Lager. Heute ist nichts davon übrig.

Ich überquere die Blankenfelder Chaussee, plötzlich fällt der Weg steil ab. 12% Gefälle sind in Berlin sonst eher selten. Ich befinde mich am Rande des Naturparks Barnim. Der Mauerweg führt durch das Naturschutzgebiet „Niedermoorwiesen am Tegeler Fließ“ und scheint förmlich zwischen Röhricht und Schilf zu versinken. Der nahe Köppchensee ist durch den Abbau einer bis zu zwei Meter dicken Torfschicht entstanden. Auf dem Wasser hat sich eine dünne Eisschicht gebildet. Ich überquere das Tegeler Fließ und der Weg steigt wieder an und biegt ab in Richtung Westen. Eine völlig andere Landschaft erwartet mich. Kiefern und Sand statt Schilf und Moor. Über mir ziehen drei Kraniche und endlich, nach Tagen des grauen Himmels, wagt sich ein kleines bisschen die Sonne hervor.

An der Wiesenstraße erreicht der Mauerweg die Siedlungskante von Glienicke Nordbahn. Von Glienicke sind mehrere Menschen durch Fluchttunnel nach West-Berlin geflohen. Der Ort geht heute nahtlos über in den Berliner Ortsteil Reinickendorf. An der Veltheimstraße befindet sich eine Bushaltestelle, doch ich beschließe noch weiter zu gehen, bis zur Ecke Veltheimstraße Berliner Straße. Vier Buslinien verheißen hier einen schnellen Transport zum S-Bahnhof Hermsdorf. Da jede dieser vier Linien allerdings nur einmal in der Stunde fährt, ist dennoch etwas Geduld angesagt.

 

Etappe 1: 30.11.14 S-Wollankstraße bis Wilhelmsruher Damm/Uhlandstraße (6,5 km) – Immer der Bahn entlang

Der Berliner Mauerweg ist 160 km lang. Ich wollte ihn immer schon einmal ablaufen. Warum ich ausgerechnet heute, bei gerade 0 Grad und schneidendem Ostwind, der die gefühlte Temperatur auf Minusgrade bringt, damit anfangen muss, weiß ich auch nicht. Mir ist einfach danach. Also laufe ich los. Genauer gesagt, ich fahre mit dem Bus zum S-Bahnhof Wollankstraße.

Hier kenne ich mich noch aus und gehe nicht auf dem ausgeschilderten Mauerweg in Richtung Norden, sondern ich nehme den alten Kolonnenweg, der zwischen dem S-Bahn Damm und der Schulzenstraße verläuft. Hier, gleich zu Beginn des Weges stoße ich auf einen alten Elektrokasten. Ich gehe den Weg weiter, zwischen den Kirschbäumen, die im Frühling wieder herrlich blühen werden. Und ich stelle fest: ich muss auf die Toilette. Toll. Noch keinen Kilometer unterwegs. An der Straße am Bürgerpark führt der Weg am Friedhof Pankow III entlang. Ich mache einen kleinen Abstecher auf den Friedhof und habe Pech. Am Sonntag ist das WC geschlossen. Unverrichteter Dinge gehe ich weiter, an einem Verkehrsübungsplatz vorbei und an einer illegalen Müllkippe. Wegweiser verweisen auf das Sowjetische Ehrenmal in Schönholz.

In der Provinzstraße bin ich kurz versucht, den nächsten Bus nach Hause zu nehmen. Irgendwie ist es ungemütlich hier draußen, andererseits komme ich gerade so richtig in Fahrt und Entdecker Laune. Ich gehe also weiter und biege in die Klemkestraße ein. Hier befindet sich zwei Stelen, die auf die Todesopfer an der Berliner Mauer hinweisen. Alleine in diesem Grenzabschnitt wurden vier Menschen getötet: Horst Frank, Wernhard Mispelhorn, Horst Einsiedel und Silvio Proksch. Auf dem Weg, den ich heute so mühelos gehe, haben sie mit ihrem Leben bezahlt. Nachdenklich gehe ich weiter.

Der Mauerweg verläuft eingezwängt zwischen S-Bahn Damm und einer eingezäunten Brach-/Grünfläche. Der Zaun ist an verschiedenen Stellen unterbrochen und viele Hundebesitzer nutzen das Gelände, um ihre Vierbeiner auszuführen. Plötzlich schießt ein kleiner beige,brauner Hund auf den Weg und bellt mich an. Schon von Weitem höre ich eine Frau den berühmtesten Satz aller Hundebesitzer rufen. Ich ignoriere den kleinen „Dertutnix“ und gehe weiter. Das Hundegebell lässt langsam nach und es wird einsam auf dem Mauerweg. Ich beschließe eine kleine Pause zu machen und werfe meinen Rucksack ins Gebüsch. Endlich und deutlich erleichtert setze ich meinen Weg fort und entdecke immer wieder kleinere Mauerspuren: noch ein Elektrokasten, Halterungen, eine Einfahrt in den Kolonnenweg. Bald bin ich am S-Bahnhof Wilhelmsruh. Auch hier führt der Weg parallel zum Bahndamm weiter nach Nordwesten.

Rechts von mir erstreckt sich ein Gewerbegebiet, der nordwestliche Zipfel Pankows, den ich umrunden muss. Der Mauerweg führt auf die Heinz-Brandt-Straße. Heinz-Brandt war „Menschenrechtler und Gewerkschaftler, Mitstreiter im Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953“. Warum man ihn ausgerechnet mit einer Straße in dieser hässlichen Umgebung geehrt hat, ist mir schleierhaft. Inzwischen habe ich das Märkische Viertel erreicht. Links die harte Stadtkante des ehemaligen West-Berlins, rechts vermüllte Bahngleise und dahinter ein kleines Naturschutzgebiet. Noch ein paar hundert Meter weiter und ich bin am Wilhelmsruher Damm. Die ersten 6 km des Mauerwegs.

 

Mauerreste an der Gedenkstätte Berliner Mauer

Berliner Mauer Gedenkstätte

 

Wachturm Kieler Eck / Gedenkstätte Litfin

Berliner Mauer Wachturm Kieler Eck

 

Mauerkreuze gegenüber dem Marie-Elisabeth-Lüders Haus

Berliner Mauer Regierungsviertel

 

Berliner Mauerweg führt der Topographie des Terrors vorbei

Berliner Mauer an der Topographie des Terrors

 

Berliner Mauerweg Michaelweg

Berliner Mauer Michaelkirche

 

East Side Gallery

Berliner Mauer East Galllery

 

Hinterlandmauer am Berliner Mauerweg

Berliner Mauer Hinterlandmauer

 

Lichttrasse am Berliner Mauerweg

Berliner Mauer Lichttrasse

 

Stele am ehem. Grenzübergang Woltersdorfer Chaussee

Berliner Mauer huhn

 

Am Grenzübergang Kreis Teltow-Fläming

Berliner Mauer Grenzübergang

100 Meilen Berliner Mauerweg

Berliner Mauer 100 Meilen

 

Mauerweg am Teltowkanal

Berliner Mauer Teltowkanal

 

Ehem. KFZ-Sperrgraben

Berliner Mauer KFZ Sperrgraben

 

Kirschblütenallee

Berliner Mauer Kirschblütenallee

 

Mauerweg am Wannsee

 

Blick auf die Heilandskirche von Uferweg in Wannsee

Berliner Mauer Heilandskirche von Wanssee

 

Berliner Mauerweg an der Glienicker Brücke

Berliner Mauer Glienicker Brücke

 

Berliner Mauerweg am Griebnitzsee

 

Berliner Mauer Griebnitzsee

Mauerweg in Sacrow

Berliner Mauer Sacrow

 

Park Sacrow

Berliner Mauer Park Sacrow

 

Campanile der Sacrower Heilandskirche

Berliner Mauer Campanile Sacrow

 

In der Sacrower Heilandskirche

Berliner Mauer Heilandskirche

 

Mauerweg kreuzt eine Allee bei Gatow

Berliner Mauer Allee bei Gatow

 

Mauerreste bei Groß Glienicke

Berliner Mauer Mauerreste Groß Glienicke

 

Reste des Streckmetallzauns am Groß Glienicker See

Berliner Mauer Groß Glienicker See

 

Blick auf Fähre und Strandbad Wannsee vom Mauerweg

Berliner Mauer Fähre Kladow

 

Mauerweg in Spandau/Staaken

Berliner Mauer Bullengragen

 

Kreuz für Dieter Wohlfahrt

Berliner Mauer Gedenken Wohlfahrt

 

Mauerweg an den Rieselfeldern Gatow

Berliner Mauer Rieselfelder

 

Blick auf den Teufelsberg vom Mauerweg

Berliner Mauer Teufelsberg

Mauerweg im Spandauer Forst

Berliner Mauer Spandauer Forst

 

Berliner Mauerweg am Laßzinssee

Berliner Mauer Laßzinssee

 

Berliner Mauerweg bei Eiskeller

Berliner Mauer Eiskeller

 

Projekt Spurensuche Spandau - Falkensee

Berliner Mauer Spurensuche

Ehem. Führungsstelle Nieder Neuendorf am Berliner Mauerweg

Berliner Mauer Wachtrum Nieder Neuendorf

Wasserkontrollstelle Henningsdorf

Berliner Mauer Wasserkontrollstelle

Berliner Mauerweg zwischen Havel und Gewerbegebiet Henningsdorf

Berliner Mauer Gewerbe Henningsdorf

Stele für Maueropfer Peter Kreitlow und Franciszek Piesik

Berliner Mauer Kreitlik Piesik

Berliner Mauerweg am Henningsdorfer Hafen

Berliner Mauer Hafen Henningsdorf

Ehem. Kaserne Henningsdorf

Berliner Mauer Kaserne

 

Skateranlage am Berliner Mauerweg

Berliner Mauer Skateranlage

 

Birken am Berliner Mauerweg

Berliner Mauer Birkenallee

 

Berliner Mauerweg durch den Tegeler Forst

Berliner Mauer Wald

 

Berliner Mauerweg überquert A111

Berliner Mauer Autobahn

 

Ehem. Grenzübergang Stolpe am Berliner Mauerweg

Berliner Mauer Stolpe Grenze

 

Berliner Mauerweg am Entenschnabel

Berliner Mauer Entenschnabel

 

Berliner Mauerweg: Gedenken an Todesopfer in Frohnau

Berliner Mauer Todesopfer

 

Berliner Mauerweg bei Bergfelde

Berliner Mauer Bergfelde

 

Berliner Mauerweg: "Führungsstelle Bergfelde"

Berliner Mauer Wacthturm Bergfelde

 

Gedenken an Marienetta Jirkowsky (erschossen bei Fluchtversuch)

Berliner Mauer Todesopfer Gedenken MJ

 

Berliner Mauerweg: invalidensiedlung Frohnau

Berliner Mauer Invalidensiedlung

 

Berliner Mauerweg um Lübars herum

Berliner Mauer Blankenfelde

 

Berliner Mauerweg überquert das Tegeler Fließ

Berliner Mauer Tegeler Fließ

 

Berliner Mauerweg in Richtung Glienicke Nordbahn

Berliner Mauer Glienicke Nordbahn

 

Berliner Mauerweg zwischen Glienicke Nordbahn und Berlin
(Pflastersteinmarkierung am unteren Bildrand)

Berliner Mauer Glienicke Nordbahn Berlin

 

Berliner Mauerweg am S-Bahnhof Wollankstraße

Berliner Mauer S-Bahn Wollankstraße

 

Elektrokasten am Berliner Mauerweg S-Bahnhof Wollankstraße

Berliner Mauer Elektrokasten S Wollankstraße

 

Berliner Mauerweg am Bahndamm in Pankow

Berliner Mauer Weg am Bahndamm

 

Berliner Mauerweg - Lübarser Höhe

Berliner Mauer Lübarser Höhe